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  • Marie Soldat-Röger

    von Silke Wenzel
    Die Geigerin Marie Soldat-Röger. Fotografie von Theodor Prümm, Berlin
    Namen:
    Marie Soldat-Röger
    Geburtsname: Marie Ernestine Soldat
    Varianten: Marie Soldat, Marie Röger-Soldat, Marie Roeger-Soldat, Marie Soldat-Roeger, Marie Ernestine Soldat-Röger, Marie Ernestine Röger-Soldat, Marie Ernestine Roeger-Soldat, Marie Ernestine Soldat-Roeger
    Lebensdaten:
    geb. in Geidorf (bei Graz), Österreich-Ungarn (Österreich)
    gest. in Graz, Österreich
    Tätigkeitsfelder:
    Violinistin, Solistin, Violinpädagogin, Kammermusikerin
    Charakterisierender Satz:

    „Die Soldat [...] ist eine echte Künstler-Natur und wohl, was Wärme und Begeisterung betrifft, die bedeutendste Geigerin. Reizend einfach und liebenswürdig ist ihr Wesen.“ (Tagebucheintrag Clara Schumann vom 6. Oktober 1887, zit. n. Kühnen 1995, S. 37)


    Profil

    Marie Soldat-Röger wurde von Eduard Pleiner und August Pott Joseph Joachim ausgebildet. Nach Beendigung ihres Studium 1882 gewann sie den begehrten Mendelssohn-Preis und begann in Berlin und Umgebung zu konzertieren. Mit dem Brahms’schen Violinkonzert, das sie als erste Frau interpretierte, gelang ihr 1885 in Wien der künstlerische Durchbruch.


    Berichte von FreundInnen und KollegInnen schildern Marie Soldat-Röger als eine ausgezeichnete Musikerin, die sich die Freude am Musizieren ein Leben lang bewahrte. Immer wieder wird dabei ihre ruhige und bescheidene Art betont. Einen äußerst plastischen Eindruck von der Persönlichkeit Marie Soldat-Rögers vermittelt die Engländerin Margaret Deneke in ihren Erinnerungen. Über einen Besuch von Marie Soldat-Röger in der Familie Deneke heißt es: „Before long we were all aware of a great artist in our midst. Her inborn humour and her masterly playing conquered us and we discovered that outstandig artists all had time to come to us when music with Marie Soldat could be offered [...]. Through it all she retained her naive freshness and simplicity; never was a great artist so completely free from affectation, so spontaneously warm-hearted; she remained an unspoilt child of nature“ (Deneke o. D., zit. n. Musgrave 1990).

    („In kürzester Zeit waren wir uns alle bewusst, eine große Künstlerin in unserer Mitte zu haben. Ihr angeborener Humor und ihr meisterhaftes Spiel eroberte uns und wir entdeckten, dass herausragende Künstler immer Zeit hatten zu uns zu kommen, wenn wir ihnen anbieten konnten, mit Marie Soldat zu musizieren. Durch alles hindurch behielt sie ihre natürliche Frische und Einfachheit; niemals zuvor war eine große Künstlerin so vollkommen frei von Affektiertheit, so spontan warmherzig. Sie blieb ein reines, natürliches Kind.”)


    Konzertkritiken hoben immer wieder auf das Geschlecht von Marie Soldat-Röger ab und bescheinigten ihr, dass sie den Vergleich mit ihren männlichen Kollegen nicht scheuen müsse. Auch als sie ab 1895 mit einem eigenen Damen-Streichquartett auftrat, schrieb die „Neue Musikalische Presse“ über Marie Soldat-Röger: „In aller Stille hat ein energischer und hochbegabter Frauengeist drei seiner Geschlechtsgenossinnen wieder auf ein Gebiet geführt, welches bisher von Damen noch nicht betreten worden ist. Frau Soldat-Roeger, die ausgezeichnete Schülerin Joseph Joachim’s [...], hat mit ihren Genossinnen den Beweis erbracht, dass die spirituellste Form der Kammermusik, das Streichquartett, der Ausführung von Frauen sehr wohl zugänglich ist.“ (Neue Musikalische Presse vom 1. März 1896, zit. n. Kühnen 2000, S. 92)

    Orte und Länder

    Marie Soldat-Röger, geb. Soldat, wurde in Geidorf bei Graz geboren. Im Jahr 1879 kam sie nach Berlin, um bei Joseph Joachim Violine zu studieren und behielt dort ihren Wohnsitz bis zu ihrer Heirat bei. 1889 heiratete sie den Wiener Polizeioberkommissär Wilhelm Röger und zog mit ihm nach Wien, später vorübergehend aus beruflichen Gründen ihres Mannes nach Limbach in Bayern. Marie Soldat kehrte alleine nach Wien zurück und verbrachte einen großen Teil des Jahres in ihrer Villa in Knittelfeld.

    Ab 1888 bis ins hohe Alter hinein verkehrte sie zudem regelmäßig in England, wo sie sowohl konzertierte als auch Freundschaften schloss. Ihre Konzertreisen beschränkten sich im Wesentlichen auf England, Deutschland und Österreich-Ungarn. Marie Soldat starb in ihrem Geburtsort Graz.

    Biografie

    Marie Soldat-Röger wurde am 25. März 1863 in Geidorf bei Graz geboren. Die Mutter, Franziska Soldat (geb. Baldauf), trug mit Schneiderarbeiten zum Lebensunterhalt der Familie bei, der Vater Julius Soldat (1834-1876) war Organist und Klavierlehrer.

    Marie Soldat-Röger erhielt ihre erste musikalische Ausbildung am Klavier, zunächst von ihrem Vater, später von Johann Lutzer (bis 1878) an der Musikschule Buwa in Graz.

    Erst im Alter von neun Jahren begann sie auf Wunsch des Vaters mit dem Violinunterricht: „In meinem 9. Lebensjahr mußte ich anfangen das Geigenspiel zu lernen, durchaus nicht aus eigenem Antrieb, sondern auf Wunsch meines Vaters, dessen Freund mein künftiger Geigenlehrer war und welcher wünschte, ein talentiertes Mädchen zu unterrichten. Mein Vater ließ mich also vorführen und ich freute mich riesig darauf, da ich dachte, daß man längst nicht so viel üben müsse als am Clavier.“ (Tagebucheintrag von Marie Soldat-Röger, zit. n. Kühnen 2000, S. 17)

    Der Freund des Vaters war Eduard Pleiner, der Marie Soldat-Röger von 1871 bis 1877 unterrichtete, anschließend wurde August Pott ihr Lehrer in Graz. Bereits 1874 – nach zweieinhalb Jahren Geigenunterricht – hatte sie ihren ersten öffentlichen Auftritt als Violinistin bei einem Konzert des Grazer Musikvereins, bei dem sie die „Fantasie-Caprice“ op. 35 von Henri Vieuxtemps spielte. Es folgten das erste eigene Konzert im Grazer „Landschaftlichen Ritter-Saal“ am 2. Januar 1876, u. a. mit dem g-Moll Konzert von Max Bruch, und im Spätsommer 1878 ihr erstes Orchesterkonzert mit zwei Sätzen aus dem Violinkonzert e-Moll von Felix Mendelssohn Bartholdy (vgl. Kühnen 2000, S. 19).


    Die frühen Jahre in Graz waren allerdings nicht nur von musikalischen Erfolgen geprägt, sondern wurden überschattet vom Tod des Vaters (1876), des Lehrers Eduard Pleiner (1877) und des Bruders (1878). Der Tod des Vaters brachte zudem die Familie in finanzielle Schwierigkeiten, so dass Marie Soldat-Röger auch unterrichtete und konzertierte, um zum Lebensunterhalt der Familie beizutragen.


    Während einer Konzertreise durch verschiedene Badeorte lernte Marie Soldat-Röger im Sommer 1879 Johannes Brahms kennen, der von ihrem Spiel so beeindruckt war, dass er sie an den Violinisten Joseph Joachim weiterempfahl. Im Oktober desselben Jahres absolvierte sie die Aufnahmeprüfung an der Königlichen Hochschule für Musik Berlin und begann mit dem Violinstudium bei Joseph Joachim und Heinrich Jacobsen. Da sie allerdings nach eigener Aussage „das Clavierspiel nicht liegen lassen“ wollte (Tagebuch 1881, zit. n. Prante 1999, S. 107), genehmigte man ihr parallel ein Klavierstudium bei dem Clara Schumann-Schüler Ernst Rudorff. Schon ein Jahr später heißt es in den Schülerakten über sie: „Ihr Violinspiel interessirt schon jetzt sowohl im Betreff der lebhaften Auffassung als durch schönen Ton und technische Gewandheit und es ist mit Bestimmtheit anzunehmen, dass ferneres Studium unter aufmerksamer Leitung dem Fräulein Soldat eine so bedeutende geistige Vielseitigkeit und schlagfertige Technik erwerben wird, wie sie nur auserwählten Kunstjüngern erreichbar sind. Erwähnenswert ist neben den Leistungen auf der Violine auch ihr recht musikalisches, fertiges Klavierspiel.“ (14.8.1880; UdK-Archiv, Bestand 1 Nr. 594 Blatt 230, zit. n. Prante 1999, S. 108)

    In drei aufeinanderfolgenden Jahren, 1880 bis 1882, bewarb sie sich um den Mendelssohn-Preis. Bereits im ersten Jahr erhielt sie 750 Mark. Nachdem sie 1881 wegen Krankheit nicht antreten konnte, gewann sie 1882 mit dem Mendelssohn’schen Violinkonzert den begehrten Preis, der mit 1500 Mark dotiert war. Joseph Joachim notierte in seinen Unterlagen: „Marie Soldat spielte Mendelssohns Violinconcert. Eine sehr talentvolle, abgerundete Leistung. Ungewöhnlich.“ (UdK-Archiv Bestand 1, Nr. 5135, zit. n. Prante 1999, S. 108). Im selben Jahr verließ Marie Soldat-Röger die Königliche Hochschule für Musik. Sie blieb jedoch bis 1889 in Berlin wohnen und erhielt von Joseph Joachim kostenlos Privatunterricht.


    Nach dem Studium konzertierte sie zunächst in Berlin und Umgebung u. a. mit Robert Hausmann, Anna Schultzen von Asten und Julie von Asten und debütierte am 29. Dezember 1882 mit dem Berliner Philharmonischen Orchester mit Max Bruchs „Kol Nidrei“. Der künstlerische Durchbruch gelang ihr jedoch mit dem Violinkonzert D-Dur op. 77 von Johannes Brahms, das sie am 8. März 1885 in der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien unter der Leitung von Hans Richter als erste Frau zur Aufführung brachte. Publikum und Presse waren begeistert und Johannes Brahms, der bei der Aufführung anwesend war, soll – laut Max Kalbeck – ausgerufen haben: „Ist die kleine Soldat nicht ein ganzer Kerl? Nimmt sie es nicht mit zehn Männern auf? Wer will es besser machen?“ (Kalbeck 1910, Bd. 5, S. 159). In den folgenden Jahren konzertierte Marie Soldat-Röger u. a. im Bach-Verein Düsseldorf, im großherzoglichen Hoftheater Mannheim, in Pforzheim und Görlitz, im Rathaussaal in Münster und im Saal Bösendorfer in Wien (vgl. Kühnen 2000, S. 42).


    Gleichzeitig begann Marie Soldat-Röger sich gesellschaftlich zu etablieren. Neben den Kontakten zu Johannes Brahms, mit dem sie bis zu seinem Tod kontinuierlich Kontakt hatte, und Joseph Joachim verkehrte sie auch regelmäßig in den Kreisen um Clara Schumann, die am 9. Februar 1883 in ihr Tagebuch schrieb: „Abends Fräulein Soldat bei Levi’s, sie spielte mir mit Julie von Asten begleitet, Mendelssohns Violin-Concert, den ersten Satz vortrefflich vor. Sie hat glaube ich eine Zukunft, daß sie aus der Joachim’schen Schule ist, hört man gleich.“ (Tagebucheintrag Clara Schumann, zit. n. Kühnen 1995, S. 29). Joseph Joachim hatte Marie Soldat-Röger außerdem in die Familie Wittgenstein eingeführt, die ihr u. a. jenes Instrument zur Verfügung stellte, das sie noch in hohem Alter spielte, eine Guarneri del Gesù von 1742.


    Im Jahr 1887, noch in Berlin, gründete Marie Soldat-Röger ein erstes Damen-Streichquartett, das allerdings nur eine einzige Saison lang (1887/1888) bestand. Sie selbst übernahm die erste Geige, Mary Schumann die zweite, Gabriele Roy spielte Viola und Lucy Campbell Violoncello. Im März 1888 reiste Marie Soldat-Röger erstmals nach England und spielte dort das Brahms’sche Violinkonzert, wiederum bejubelt von der Kritik (vgl. Kühnen 2000, S. 44). Die Tradition ihres Lehrers Joseph Joachim fortsetzend, begann sie von 1888 an fast jede Konzertsaison, d. h. die Monate Oktober bis Dezember, mit Konzerten in England (vgl. Kühnen 2000, S. 44) und knüpfte dort zahlreiche Freundschaften, die teilweise ein Leben lang bestehen blieben (vgl. Musgrave 1990). Margaret Deneke, in deren Familie Marie Soldat-Röger regelmäßig zu Gast war, hat in ihren Aufzeichnungen die gemeinsamen musikalischen Abende beschrieben, so z. B. in den Jahren 1931-1933: „In 1931, 1932 and 1933, Professor Albert Einstein came to Christ Church. We knew he was an amateur violinist and we invited him to play quartets with artists. Marie Soldat was to lead, Arthur Williams (Klingler Quartet) was the cellist and Erna Schulz (Wietrowetz Quartet) was the viola. He had heard them all at concerts in Vienna or Berlin and accepted the offer with alacrity.“ (Deneke o. D., zit. n. Musgrave 1990, S. 329)

    („In den Jahren 1931, 1932 und 1933 kam Professor Albert Einstein nach Christ Church. Wir wussten, dass er ein Amateurgeiger war und luden ihn ein, Quartette mit Künstlern zu spielen. Marie Soldat spielte die erste Geige, Arthur William (Klingler Quartet) das Cello und Erna Schulz (Wietrowetz Quartet) die Bratsche. Er hatte sie alle bei Konzerten in Wien oder Berlin gehört und nahm das Angebot ohne zu zögern an.“)


    Im Jahr 1889 heiratete Marie Soldat-Röger den k.u.k. Polizeioberkommissär Wilhelm Röger und ließ sich mit ihm in Wien, später – aufgrund einer beruflichen Versetzung ihres Mannes – für kurze Zeit in Limbach (Bayern) nieder. Mit ihrer Heirat nannte sie sich Marie Soldat-Röger und behielt diesen Namen bis zu ihrem Tod bei. Ein Jahr später, 1890, wurde ihr einziger Sohn Joseph Röger geboren. In dieser Zeit zog sie sich für zwei Jahre aus dem Konzertleben zurück und trat erst Ende 1892 wieder öffentlich auf. Eine ausgedehnte Konzertreise im Herbst führte sie u. a. nach Eisenach, Frankfurt, Köln, Düsseldorf und Krefeld sowie nach London, Manchester und Cambridge; Konzerte in Berlin und Leipzig schlossen sich an. Dass die zweijährige Pause ohne künstlerische Einbußen verlief, bekräftigte die „Allgemeine Musikzeitung“ in einer Kritik vom 16. Dezember 1892 über ein Konzert in der Berliner Philharmonie: „Den grössesten Erfolg errang an diesem Abend Frau Marie Soldat-Roeger, die nach zweijähriger Pause wieder als Geigerin vor das Publikum trat und mit Sätzen aus dem Vieuxtemps’schen C-dur-Konzerte den Beweis führte, dass sie unter den zahlreichen jungen Violinkünstlerinnen die erste Stelle einnimmt“. (zit. n. Prante 1999, S. 111).


    Zwei Jahre später, 1894, gründete Marie Soldat-Röger ein zweites Damen-Streichquartett, das in Wien nahezu 20 Jahre lang Bestand haben sollte. Unter ihrer Leitung spielten Ella Finger-Bailetti (2. Vl., ab 1898 ersetzt durch Elsa Edle von Planck), Natalie Bauer-Lechner (Vla) und Lucy Herbert-Campbell (Vcl, ab 1903 ersetzt durch Leontine Gärtner). Das Streichquartett debütierte am 11. März 1895 im Wiener Bösendorfer-Saal mit Werken von Joseph Haydn, Robert Schumann und Felix Mendelssohn Bartholdy und konzertierte bis 1914 regelmäßig (über das Streichquartett Soldat-Roeger, vgl. Kühnen 2000, S. 58-93).

    Bis mindestens Ende 1913 trat Marie Soldat-Röger auch weiterhin als Solistin auf. Im Juni 1926 wurden von der Firma Union-Record Aufnahmen für Schellack-Platten erstellt. Marie Soldat-Röger spielte hier u. a. das Adagio aus dem 9. Violinkonzert von Louis Spohr, die Romanze F-Dur op. 50 von Ludwig van Beethoven, den ersten Satz aus dem A-Dur-Konzert von Wolfgang Amadeus Mozart sowie mehrere Werke von Johann Sebastian Bach ein (vgl. Kühnen 1995, S. 49 und 233; Kühnen 2000, S. 54f.).

    Zudem verstärkte Marie Soldat-Röger ihre Tätigkeit als Violinpädagogin, wie Aufzeichnungen über Schülerinnen und Schüler in ihren Concertkalendern belegen (vgl. Kühnen 2000, S. 56f.). Über ihren Unterricht und ihre Schülerinnen und Schüler ist bislang nahezu nichts bekannt.


    Während ihrer Karriere wurde Marie Soldat-Röger mehrfach ausgezeichnet. Neben dem bereits erwähnten Mendelssohn-Preis 1882, wurde sie im Herbst 1900 vom Herzog von Sachsen-Meiningen mit der goldenen Medaille für Kunst und Wissenschaft geehrt. 1938 erhielt sie den Professorentitel der Gesellschaft der Musikfreunde Wien und 1952 den Professoren-Titel Österreichs.


    Offiziell hat sich Marie Soldat-Röger vermutlich 1936 aus dem öffentlichen Musikleben zurückgezogen. Sie starb am 30. September 1955 im Alter von 92 Jahren in Graz.

    Würdigung

    Marie Soldat-Röger war neben Gabriele Wietrowetz sicherlich eine der bedeutendsten deutschsprachigen Geigerinnen, die aus der Schule Joseph Joachims hervorgegangen waren. Sie war die erste Frau, die das Brahms’sche Violinkonzert D-Dur op. 77 interpretierte und ihre Kraft im Spiel wurde von der Kritik häufig als „männlich“ bezeichnet. Mit ihrer außergewöhnlichen musikalischen Begabung begeisterte sie ihre Kolleginnen und Kollegen ebenso wie das Publikum. Selbst konservative Musikkritiker überzeugte sie von der Notwendigkeit einer beruflichen Gleichberechtigung von Frauen. Bereits 1897 hatte z. B. der Wiener Musikkritiker Eduard Hanslick im „Wiener Tagblatt“ gefordert, man solle Marie Soldat-Röger für das Wiener Konservatorium als Lehrerin verpflichten, gleichberechtigt unter ihren männlichen Kollegen: „Frau Soldat ist eine Künstlerin von ungewöhnlicher Begabung und einer reifen Kunst, um die sie manche ihrer männlichen Collegen beneiden könnten. Hat man in der Leitung unseres Conservatoriums noch nie daran gedacht, diese seltene Kraft für das Institut zu gewinnen? Ich meine keineswegs für eine Geigerinnen-Abtheilung, sondern für eine Ausbildungsclasse, ohne Unterschied des Geschlechts. Die Befürchtung, eine Frau könne sich nicht den genügenden Respect verschaffen, ist meiner Meinung nach total hinfällig. Diejenigen, denen nur der Schnitt des Gewandes und nicht die Kunst Achtung einflösst, mag man ruhig ziehen lassen, an denen ist nichts verloren.“ (zit. n. Kühnen 2000, S. 56)

    Rezeption

    Eine heutige Rezeption der Violinistin Marie Soldat-Röger findet lediglich in kleinem wissenschaftlichem Kreis statt. Vor allem Barbara Kühnen hat sich in verschiedenen Publikationen mit ihr und ihrem Damen-Streichquartett auseinandergesetzt. Auch in Zusammenhang mit den Forschungen über Joseph Joachim, Clara Schumann und Johannes Brahms wird sie hin und wieder erwähnt. Sowohl die zweite Auflage der „Musik in Geschichte und Gegenwart“ als auch die second edition des „New Grove“ verzichteten allerdings auf einen Artikel über Marie Soldat-Röger.

    Repertoire

    Die Repertoire-Liste basiert auf der Repertoire-Liste, die Barbara Kühnen erstellt und in ihrer Staatsexamensarbeit veröffentlicht hat (Kühnen 1995, S. 112-114).


    Bach, Johann Sebastian

    - Violinkonzert Nr. 1 a-Moll BWV 1041

    - Violinsonaten B-Dur, A-Dur, E-Dur (???)

    - Violin-Soli (C-Dur-Sonate, E-Dur-Suite, Air)


    Beethoven, Ludwig van

    - Violinkonzert D-Dur op. 61

    - Romanze F-Dur op. 50

    - Violinsonate Es-Dur op. 12 Nr. 3

    - Violinsonate A-Dur op. 47

    - Violinsonate G-Dur op. 96


    Bériot, Charles-Auguste de

    - Violinkonzert (keine Präzisierung)


    Brahms, Johannes

    - Violinkonzert D-Dur op. 77

    - Konzert für Violine, Violoncello und Orchester a-Moll op. 102

    - Sonate für Violine und Klavier G-Dur op. 78

    - Sonate für Violine und Klavier d-Moll op. 108

    - Ungarische Tänze (arrangiert für Vl. und Kl. von Joseph Joachim)


    Braun, Rudolf

    - Violinsonate (keine Präzisierung)


    Bruch, Max

    - Violinkonzert g-Moll op. 26

    - Fantasie Es-Dur für Violine mit Orchester und Harfe unter freier Benutzung schottischer Volksmelodien (Schottische Fantasie) op. 46


    Chopin Fréderic

    - Polonaise für Violine und Klavier (Bearbeitung, keine Präzisierung)


    Ernst, Heinrich Wilhelm

    - Airs hongrois variés op. 22


    Fuchs, Robert

    - Sonate für Violine und Klavier (keine Präzisierung)


    Grieg, Edvard Hagerup

    - Violinsonate G-Dur op. 13

    - Tarantelle (verm. Bearbeitung, keine Präzisierung)


    Joachim, Joseph

    - „Konzert in ungarischer Weise“ für Violine und Orchester op. 11


    Mendelssohn Bartholdy, Felix

    - Violinkonzert e-Moll op. 64


    Labor, Joseph

    - Violinkonzert G-Dur op. 6


    Laub, Ferdinand

    - Concert-Polonaise für Violine und Klavier/Orchester op. 8


    Mozart, Wolfgang Amadeus

    - Violinkonzert D-Dur KV 218

    - Violinkonzert A-Dur KV 219

    - Sinfonia concertante Es-Dur für Violine und Viola KV 364

    - Violinsonate B-Dur (keine Präzisierung möglich)


    Schubert, Franz

    - Variationen über „Trockene Blumen“ aus „Die schöne Müllerin“ op. 160 D 802 (original für Flöte und Klavier)


    Schumann, Robert

    - Sonate Nr. 1 a-Moll für Klavier und Violine op. 105


    Spohr, Louis

    - Violinkonzert Nr 6 (keine Präzisierung möglich)

    - Violinkonzert Nr. 8 („in Form einer Gesangsszene“) op. 47

    - Violinkonzert Nr. 9 (keine Präzisierung möglich)


    Vieuxtemps, Henri

    - Violinkonzert Nr. 1 E-Dur op. 10

    - Fantasie-Caprice für Violine und Orchester

    - Rondo für Violine solo (keine Präzisierung möglch)


    Wieniawsky, Henri

    - Polonaise für Violine und Klavier op. 4

    Quellen

    Quellen


    Archiv der Universität der Künste Berlin (UdK-Archiv), Bestand 1 Nr. 594 (Acta betreffend die persönlichen Angelegenheiten der Eleven und Elevinnen, Buchstabe S)


    Archiv der Universität der Künste Berlin (UdK-Archiv), Bestand 1 Nr. 5135 (Felix-Mendelssohn-Bartholdy-Stiftung, Specialia, 1882)


    Archiv der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien. Nachlass Marie Soldat-Roeger



    Literatur


    Artikel „Marie Soldat“. In: The Strad, Vol. 4 (4/1893), S. 10.


    Artikel „Soldat, Marie”. In: Meyers Konversationslexikon 4. Auflage, Leipzig und Wien 1885-1892, 18. Band: Jahressupplement 1891, S. 883.


    Artikel „Soldat-Röger, Marie“. In: Deutsches Musiker-Lexikon. Müller, Hermann Ernst (Hg.). Dresden: Limpert 1929.


    Artikel „Soldat, Marie“. In: Kurzgefaßtes Tonkünstlerlexikon für Musiker und Freunde der Musik, begründet von Paul Frank, neu bearbeitet und ergänzt von Wilhelm Altmann, 14. stark erw. Auflage. Regensburg: Bosse, 1936 (und nachfolgende Auflagen).


    Artikel „Soldat-Roeger, Marie“. In: Lexikon der Frau. Bd. 2. Zürich: Encyclios Verlag AG, 1954, Sp. 1302.


    Artikel „Soldat, Familie“. In: Österreichisches Musiklexikon, Rudolf Flotzinger (Hg.). Bd. 5. Wien: Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, 2006, S. 2240.


    Deneke, Margaret. What I remember, 2 vols. (o. D.). Unveröffentlichtes Manuskript. Oxford. Lady Margaret Hall. Deneke Deposit. [Besprochen in Musgrave 1990]


    Gamba, [Vorname konnte nicht ermittelt werden]. Miss Marie Soldat. In: The Strad, Vol. 8 (9/1897), S. 153-154.


    Hanslick, Eduard. Concerte, Componisten und Virtuosen der letzten fünfzehn Jahre. Berlin: Allgemeiner Verein für Deutsche Litteratur, 1896.


    Henderson, B. [Vorname konnte nicht ermittelt werden]. Mme. Marie Soldat-Roeger. In: The Strad, Vol. 20 (2/1910), S. 362-364.


    Heuberger, Richard. Erinnerungen an Johannes Brahms. Tagebuchnotizen aus den 1875 bis 1898. Kurt Hofmann (Hg.). Tutzing: Schneider, 1978.


    Huschke, Konrad. „Die erste Geigerin, die das Brahmsche Violinkonzert meisterte.“ Zum Geburtstag von Marie Soldat-Roeger am 25. März. In: Allgemeine Musikzeitung 66 (1939), S. 199.


    Kalbeck, Max. Johannes Brahms. Berlin: Deutsche Brahms-Gesellschaft, 1904-1914.


    Kühnen, Barbara. Marie Soldat. Aspekte der Biographie einer vergessenen Musikerin. Wissenschaftliche Hausarbeit zur Ersten Staatsprüfung für das Lehramt an Gymnasien. Universität Kassel: Unveröffentlichtes Typoskript, 1995.


    Kühnen, Barbara. „Marie Soldat-Roeger (1863-1955)“. In: Kay Dreyfus/Margarethe Engelhardt-Krajanek/Barbara Kühnen (Hg.). Die Geige war ihr Leben. Drei Frauen im Portrait. Strasshof: Vier Viertel Verlag, 2000, S. 13-98.


    Kühnen, Barbara. „Ist die Soldat nicht ein ganzer Kerl? Die Geigerin Marie Soldat-Roeger (1863-1955)“. In: Elena Ostleitner/Ursula Simek (Hg.). Ich fahre in mein liebes Wien. Clara Schumann – Fakten, Bilder, Projektionen. Wien: Löcker-Verlag, 1996, S. 137-150.


    Lahee, Henry C. Famous Violinists of To-day and Yesterday. Boston: The Page Company Publishers, 1899, 10. Auflage 1916.


    Litzmann, Berthold. Clara Schumann. Ein Künstlerleben. Nach Tagebüchern und Briefen. 3 Bände. Leipzig: Breitkopf & Härtel, 1909.


    Litzmann, Berthold (Hg.): Clara Schumann, Johannes Brahms. Briefe aus den Jahren 1853-1896. Leipzig: Breitkopf und Härtel, 1927.


    Moser, Andreas. Geschichte des Violinspiels. Zweite verbesserte und ergänzte Auflage von Hans-Joachim Nösselt. 2 Bände. Tutzing: Hans Schneider, 1967 [Erstauflage 1923].


    Musgrave, Michael. „Marie Soldat 1863-1955: An English Perspective“. In: Reinmar Emans und Matthias Wendt (Hg.). Beiträge zur Geschichte des Konzerts. Festschrift Siegfried Kross zum 60. Geburtstag. Bonn: Gudrun Schröder Verlag, 1990, S. 319-330.


    Prante, Inka. Die Schülerinnen Joseph Joachims. Wissenschaftliche Hausarbeit zur Ersten Staatsprüfung für das Amt des Lehrers, Berlin. Unveröffentlichtes Typoskript, 1999.


    Straeten, Edmond van der. The History of the Violin. Its ancestors and Collateral Instruments From Earliest Times. Vol. 2. London 1933. Reprint: New York: Da Capo Press 1968.


    Urtheile der Presse über das Streichquartett Soldat-Roeger. Wien: Verlag von Frau Marie Soldat-Röger, 1898.


    Walter, Wolfgang. Marie Soldat-Roeger (1863-1955). Diplomarbeit. Universität Graz: Unveröffentlichtes Manuskript, 2002.


    Wasielewski, Wilhelm Joseph von. Die Violine und ihre Meister. Sechste vermehrte Auflage von Waldemar von Wasielewski. Leipzig: Breitkopf & Härtel, 1920.



    Konzertkritiken


    Allgemeine Musikzeitung vom 17. April 1885, S. 152.

    Allgemeine Musikzeitung vom 15. Januar 1886, S. 31.

    Allgemeine Musikzeitung vom 16. Dezember 1892, S. 641.

    Allgemeine Musikzeitung vom 24. Januar 1896, S. 52.

    Allgemeine Musikzeitung vom 18. Februar 1910, S. 164.

    Neue Musikalische Presse vom 1. März 1896, o.S.

    Neue Zeitschrift für Musik vom 6. Juli 1887, S. 318.

    Neue Zeitschrift für Musik vom 20. Februar 1889, S. 91.

    Vossische Zeitung vom 10. April 1885, o.S.

    Wiener Allgemeine Zeitung vom 15. März 1885, o.S.



    Tonträger


    Wolfgang Amadeus Mozart: Konzert für Violine und Orchester A-Dur, Takte 112-226 mit einer Kadenz von Joseph Joachim. K. & K. –Tondokumente um 1900, Historia TJM 0028 (1988).

    Forschung

    Der Nachlass von Marie Soldat-Röger wird im Archiv der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien aufbewahrt. Darin befinden sich u. a. Tagebücher, Konzert- und Notizkalender, Zeitungsartikel und Korrespondenz.


    Ferner befinden sich Dokumente in der Biographischen Sammlung des Wiener Staats- und Landesarchivs sowie im Mitt. Diözesanarchiv Graz (Matrikendaten und Schulakten Pfarre Graz-Münzgraben).

    Forschungsbedarf

    Der Nachlass von Marie Soldat-Röger wurde von Barbara Kühnen in mehreren Publikationen ausgewertet. Dennoch bleiben zahlreiche Fragen offen, zum Beispiel zu ihrer Studienzeit in Berlin, zu ihren Schülerinnen und Schüler sowie zum künstlerischen Umfeld, in dem sie sich bewegte.

    Normdaten

    Virtual International Authority File (VIAF): 102457741
    Deutsche Nationalbibliothek (GND): 139637591
    Wikipedia-Personensuche

    Autor/innen

    Silke Wenzel, Die Grundseite wurde im Juni 2007 verfasst.


    Bearbeitungsstand

    Redaktion: Nicole K. Strohmann
    Zuerst eingegeben am 06.07.2007


    Empfohlene Zitierweise

    Silke Wenzel, Artikel „Marie Soldat-Röger“, in: MUGI. Musikvermittlung und Genderforschung: Lexikon und multimediale Präsentationen, hg. von Beatrix Borchard und Nina Noeske, Hochschule für Musik und Theater Hamburg, 2003ff. Stand vom 6.7.2007.
    URL: http://mugi.hfmt-hamburg.de/Artikel/Marie_Soldat-Röger