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  • Marianne Eissler

    von Silke Wenzel
    Die Violinistin Marianne Eissler im Jahr 1884. Fotografie von N. Raschkow Jr., Breslau.
    Namen:
    Marianne Eissler
    Varianten: Marianne Eißler
    Lebensdaten:
    geb. in Brünn, Österreich (heute Brno in Tschechien)
    gest. unbekannt

    Tätigkeitsfelder:
    Violinistin
    Charakterisierender Satz:

    „In den allwöchentlichen Matinées hörten wir einige Künstler von Zukunft. [...] die wohlbekannte Violinvirtuosin Marianne Eissler, hat uns mit dem Vortrag des Bruch’schen 1. Concertes eine wahre Freude bereitet. Ihr breiter Ton war im Stande, den ungeheuren, 6000 Personen fassenden Raum auszufüllen [...]. Besonders das herrliche Adagio spielte Frl. Eissler mit herzbewegendem Zauber, und wurde dasselbe auch mit stürmischem Beifall ausgezeichnet.“


    („Musikalisches Wochenblatt“ vom 17. September 1885, S. 474, Bericht aus Paris)


    Profil

    Die Geigerin Marianne Eissler war fast vier Jahrzehnte lang, von 1881 bis 1920, als Solistin und Kammermusikerin im internationalen Konzertleben präsent. Sie konzertierte in Österreich, Deutschland, England und Frankreich und trat dabei meistens gemeinsam mit ihrer Schwester, der Harfenistin Clara Eissler, auf. Zwei weitere Schwestern wirkten regelmäßig als Pianistinnen bei Konzerten mit, in den ersten Jahren die Pianistin Emmy Eissler, in späteren Jahren Fanny (bzw. Freda oder Frida) Eissler. Das Duo Marianne und Clara Eissler erregte auch aufgrund seiner ungewöhnlichen Besetzung mit Violine und Harfe Aufsehen. So komponierte z. B. Camille Saint-Saëns 1907 für die Geschwister seine Fantasia op. 124, die von Marianne und Clara Eissler im selben Jahr in London uraufgeführt wurde.


    Marianne Eisslers Repertoire umfasste vor allem Kompositionen der französischen Violinschule, darunter Werke von Henri Vieuxtemps, Henri Wieniawski, Pablo de Sarasate und Niccolò Paganini.

    Orte und Länder

    Marianne Eissler wurde in Brünn (heute Brno in Tschechien) geboren und erhielt dort sowie vermutlich in Wien und Paris ihre musikalische Ausbildung als Geigerin. Im Jahr 1887 ließ sie sich in England nieder und konzertierte regelmäßig in London und anderen britischen Städten. Die Sommermonate verbrachte sie im südfranzösischen Cannes.

    Konzertreisen führten Marianne Eissler durch Österreich-Ungarn, Frankreich, England und Deutschland.

    Biografie

    Marianne Eissler wurde am 18. November 1865 in Brünn (heute Brno in Tschechien) als Tochter von Hermann Eissler und seiner Frau geboren und wuchs mit drei weiteren Schwestern auf. Alle vier Töchter der Familie wurden professionelle Musikerinnen und traten bereits im Kindes- und Jugendalter gemeinsam öffentlich auf: Marianne Eissler als Violinistin, Emmy Eissler (auch Emma Eissler, geb. ?) als Pianistin und Clara Eissler (geb. 1868) als Harfenistin. Ab 1888 war in Berlin und London eine weitere Schwester als Pianistin an Konzerten beteiligt, deren Name in drei Quellen jeweils unterschiedlich lautet: Fanny, Frida oder Freda Eissler.


    Ihre erste musikalische Ausbildung erhielt Marianne Eissler entweder von dem Brünner Dirigenten und Komponisten Friedrich Hessler (vgl. van der Straeten 1933, S. 126) oder dem Wiener Geiger Karl Heissler (vgl. Teller Ratner 2002, S. 218). Über ihr weiteres Studium im Fach Violine ist bislang nichts bekannt. In einem Zeitungsartikel von 1883 wurde sie als Violinistin aus Wien bezeichnet, in den Jahren 1884/85 konzertierte sie in Paris. Möglicherweise studierte Marianne Eissler demnach zunächst am Wiener Konservatorium der Gesellschaft der Musikfreunde und setzte anschließend ihr Studium am Pariser Conservatoire fort.


    Ab 1881 konnte sich Marianne Eissler nach und nach im internationalen Musikleben als Solistin und Kammermusikerin etablieren. Sie trat in den Jahren 1881 bis 1883 vorwiegend in Deutschland auf, konzertierte 1884/85 in Paris und wandte sich anschließend London zu. Gemeinsam mit ihrer Schwester Emmy Eissler gab sie im August 1881 ein eigenes Konzert in Dresden, bei dem u. a. Karl Goldmarks Suite D-Dur für Violine und Klavier (op. 11) und Werke von Louis Spohr, Camillo Sivori und Pablo de Sarasate auf dem Programm standen. Das „Musikalische Wochenblatt“ schrieb über das Konzert: „Frl. Marianne Eissler gab ein Geigenconcert. Das temperamentvolle, noch ganz junge Mädchen spielt kühn, streng, fast zu herb, aber bedeutend. Goldmark’s Suite Op. 11, Spohr, Sivori und Sarasate kamen im Programm vor, während die Schwester Emma Eissler Clavierstücke von Tausig, Händel und Chopin vortrug.“ („Musikalisches Wochenblatt“ vom 8. September 1881, S. 442) Am 25. November 1882 konzertierte Marianne Eissler, wiederum gemeinsam mit ihrer Schwester Emmy Eissler, im zweiten Musikvereinskonzert in Gotha und spielte dort Ludwig van Beethovens Violinsonate c-Moll (op. 30 Nr. 2) sowie Violinstücke von Louis Spohr, Henri Vieuxtemps und Pablo de Sarasate (vgl. „Neue Zeitschrift für Musik“ vom 24. November 1882, S. 521). Zwei Tage später, am 27. November 1882 trat sie bei einem Wohltätigkeitskonzert im Leipziger Gewandhaus mit einer der „Airs variées“ von Henri Vieuxtemps und zwei Sätzen aus Nils Gades Violinkonzert d-Moll (op. 56) auf und spielte das Gadesche Violinkonzert im Dezember 1882 auch im thüringischen Mühlhausen (vgl. „Musikalisches Wochenblatt“ vom 7. Dezember 1882, S. 596; vom 21. Dezember 1882, S. 624). Im Sommer 1883 konzertierte Marianne Eissler – wiederum mit Nils Gades Violinkonzert – in Kiel, und das „Musikalische Wochenblatt“ rezensierte: „Zu dem ersten Concert [...] hatte sich als Solistin Frl. Marianne Eissler aus Wien eingefunden und trug uns das neue Violinconcert von N. W. Gade vor, dessen erster Satz (Allegro) wenig ansprach [...], während der zweite (Romanze) und Schlussatz (Allegretto) mit Recht lebhaften Beifall fanden. Ist auch der Ton der jugendlichen Künstlerin nicht hervorragend gross und die Technik noch nicht absolut tadellos, so trat doch in ihrer Leistung unverkennbar ein schönes Talent zu Tage; wir würden uns freuen, ihr später einmal wieder zu begegnen.“ („Musikalisches Wochenblatt“ vom 16. August 1883, S. 416) Im Frühjahr 1884 trat Marianne Eissler in mehreren Konzerten der Sängerin Amalie Joachim in der Berliner Singakademie auf. Im ersten Konzert spielte sie die „Fantasia appassionata“ G-Dur von Henri Vieuxtemps (op. 35), Ludwig van Beethovens Violinromanze G-Dur (op. 40) und Pablo de Sarasates „Zigeunerweisen“ (op. 20), begleitet von Carl Pohlig am Klavier. Zudem übernahm sie den Part der obligaten Violine in Johann Sebastian Bachs Arie „Bereite Dich Zion“ aus dem „Weihnachtsoratorium“ (BWV 248). Auch an den folgenden Konzerten Amalie Joachims war Marianne Eissler beteiligt, so am 21. Februar, 2. und 12. März 1884 (vgl. Borchard 2005, S. 427-433). In späteren Jahren trat Marianne Eissler nach wie vor in Berlin auf, teilweise mit ihren Geschwistern. So meldete das „Musikalische Wochenblatt“ am 3. November 1888 aus Berlin: „Auch die Schwestern Eissler haben sich hören lassen, und zwar alle drei, die Violinistin Marianne, die Harfenistin Clara und die Pianistin Fanny.“ („Musikalisches Wochenblatt“ vom 15. November 1888, S. 559)


    In den Jahren 1884/85 wandten sich die Schwestern Marianne, Emmy und Clara Eissler Paris zu und konzertierten dort regelmäßig, auch zu dritt. So schrieb z. B. das „Musikalische Wochenblatt“ im März 1884 aus Paris: „Die Geschwister Marianne, Emmy und Clara Eissler gaben ein eigenes Concert, in dem die Erstgenannte durch elegantes und poetisches Spiel viel Beifall erwarb. Die kindliche Clara debutirte als Harfenspielerin.“ („Musikalisches Wochenblatt“ vom 13. März 1884, S. 160) Im September 1885 traten Marianne und Clara Eissler wiederum in einer Pariser Matinée auf, und Marianne Eissler begeisterte mit ihrer Interpretation von Max Bruchs Violinkonzert g-Moll (op. 26) das Publikum: „In den allwöchentlichen Matinées hörten wir einige Künstler von Zukunft. [...] die wohlbekannte Violinvirtuosin Marianne Eissler, hat uns mit dem Vortrag des Bruch’schen 1. Concertes eine wahre Freude bereitet. Ihr breiter Ton war im Stande, den ungeheuren, 6000 Personen fassenden Raum auszufüllen, was um so staunenswerther ist, wenn man das Gesumme bedenkt, das nothwendiger Weise eine solche Menschenmasse hervorbringt. Besonders das herrliche Adagio spielte Frl. Eissler mit herzbewegendem Zauber, und wurde dasselbe auch mit stürmischem Beifall ausgezeichnet.“ („Musikalisches Wochenblatt“ vom 17. September 1885, S. 474, Bericht aus Paris) Auch in Baden-Baden, wo Marianne und Clara Eissler im Oktober 1886 auftraten, überzeugten die Geschwister das Publikum: „Die Schwestern Frl. Marianne (Violine) und Clara Eissler (Harfe) haben bei ihrem wiederholten hiesigen Auftreten wahrhaft Furore mit ihren brillanten Vorträgen gemacht, Frl. Marianne ist, seitdem wir sie nicht hörten, zu einer vortrefflichen Künstlerin emporgewachsen, und die vierzehnjährige Schwester leistet schon Staunenswerthes.“ („Musikalisches Wochenblatt“ vom 21. Oktober 1886, S. 530)


    Im Sommer 1885 trat Marianne Eissler erstmals in London auf und wirkte dort im Juli 1885 bei einem Konzert der Sängerin Hélène Arnim in der Steinway Hall mit (vgl. „The Musical Times“ vom 1. August 1885, S. 485). Erst zwei Jahre später jedoch, im Sommer 1887, konnte sie sich im britischen Musikleben dauerhaft etablieren. Sie debütierte am 9. Juni 1887 an Seite der Pianistin Fanny Davies in den Londoner Philharmonic Concerts unter der Leitung von Arthur Sullivan mit Henri Vieuxtemps’ „Fantasia Appassionata“ G-Dur (op. 35), und die „Musical Times” schrieb über ihr Spiel: „The other fair executant was Miss Marianne Eissler, who made her first appearance at these Concerts, and exhibited an admirable talent in Vieuxtemps’s ‚Fantasia Appassionata‘ for violin.” („Die andere weibliche Interpretin war Miss Marianne Eissler, die zum ersten Mal in diesen Konzerten auftrat und in Vieuxtemps’ ‘Fantasia Appassionata’ ein wunderbares Talent zeigte.“; „The Musical Times” vom 1. Juli 1887, S. 408; s. a. „The Times London“ vom 10. Juni 1887, S. 8) Am 26. November 1887 wirkte Marianne Eissler bei einem Konzert der Sängerin Adelina Patti im Coliseum in Leeds (Yorkshire) mit. Dabei spielte sie Robert Schumanns „Träumerei“, ein Stück von Pablo de Sarasate sowie gemeinsam mit dem Pianisten Wilhelm Ganz Violinsonaten von Jan Ladislav Dussek und Edward Grieg (vgl. „The Musical Times“ vom 1. Januar 1888, S. 39).


    In den folgenden zwei Jahrzehnten, bis mindestens 1907, lebten Marianne und Clara Eissler in den Wintermonaten jeweils in London und verbrachten die Sommermonate im südfranzösischen Cannes (vgl. Teller Ratner 2002, S. 219). Marianne Eissler konzertierte regelmäßig in London sowie in weiteren britischen Städten, am häufigsten in Birmingham, Leeds und Bristol, und galt als herausragende Geigerin. Sie und ihre Schwester Clara Eissler traten als Duo auf, zu den weiteren ständigen Konzert- und Kammermusikpartnerinnen bzw. -partnern gehörten die Sängerin Adelina Patti, die Dirigenten und Pianisten Wilhelm Ganz und Tito Mattei, der Harfenist und Komponist John Thomas sowie ein weiteres Mitglied der Familie, die Pianistin Frida (bzw. Freda) Eissler. Marianne Eissler spielte z. B. im Dezember 1887 bei einem Konzert der „Messrs. Harrison“ in Birmingham gemeinsam mit Tito Mattei das „Moto perpetuo” (op. 11) von Niccolò Paganini, Pablo de Sarasates „Zigeunerweisen” (op. 20) und ein Stück von Robert Schumann: „In the instrumental department, honours were divided between Miss Marianne Eissler (solo violin) and Signor Tito Mattei (pianoforte), the former of whom played with taste, refinement, and considerable executive skill.“ („Im instrumentalen Teil [des Konzerts] teilten sich Miss Marianne Eissler (Solovioline) und Signor Tito Mattei (Klavier) die Ehrbekundungen, erstere spielte mit Geschmack, Feinsinnigkeit und bemerkenswerten technischen Fähigkeiten.“; „The Musical Times“ vom 1. Januar 1888, S. 26) Am 2. Juli 1888 gaben Marianne und Clara Eissler ein eigenes Konzert in der Londoner Princes’ Hall, bei dem auch Frida Eissler als Pianistin auftrat: „Among the most promising of the many young instrumental performers who have appeared during the past season must be numbered Mdlles. Marianne and Clara Eissler [...]. The elder of the two sisters plays the violin with much skill and expression, and is the fortunate possessor of a very fine instrument. In Bach’s well known Aria in C for the forth string the tone produced was almost equal to that of a violoncello. The youngest sister is almost equally proficient on the harp and played various solos beside taking part in a movement from Spohr’s Duet Sonata in C (Op. 113).” („Unter den vielversprechendsten jungen Interpretinnen, die in der letzten Saison erschienen sind, müssen die Mdlles. Marianne und Clara Eissler genannt werden [...]. Die ältere der beiden Schwestern spielt die Geige mit viel Können und Ausdruck und ist die glückliche Besitzerin eines sehr schönen Instruments. In Bachs bekannter Aria in C für die vierte Saite klang der Ton nahezu genauso wie der eines Violoncellos. Die jüngste Schwester ist als Harfenistin ebenso fähig und spielte mehrere Soli, zudem wirkte sie in einem Satz von Spohrs Duo-Sonate C-Dur (op. 113) mit.“; „The Musical Times“ vom 1. August 1888, S. 483) Im Rahmen eines Konzertes von Adelina Patti spielte Marianne Eissler im Dezember 1888 „Introduction et Rondo capriccioso“ (op. 28) von Camille Saint-Saëns unter der Leitung von Wilhelm Ganz (vgl. „The Times London“ vom 12. Dezember 1888, S. 8). Auch in den folgenden Jahren gaben die Geschwister eigene Konzerte in London. So präsentierten sie z. B. am 8. Mai 1889 die Sonate C-Dur (op. 113) für Violine und Harfe von Louis Spohr, deren Manuskript ihnen von einer Nichte des Komponisten geschenkt worden war, und Marianne Eissler spielte ein „Benedictus“ von Alexander Mackenzie und eine Cavatine von Francesco Berger; die Pianistin Frida (hier: Freda) Eissler trat mit der Fantasie C-Dur (op. 17) von Robert Schumann auf: „Misses Marianne and Clara Eissler gave an evening Concert at Princes’ Hall, on the 8th ult, at which there was present a numerous and appreciative audience. The talented sisters were fortunate enough to be able to introduce an absolute novelty in the shape of a sonata by Spohr for harp and violin, the manuscript of which was presented to them a short time ago by the composer’s niece. [...] It was beautifully played by the two sisters, who were likewise heard to advantage in a variety of solo pieces, Miss Marianne Eissler being notably successful in her rendering of Dr. Mackenzie’s popular ‘Benedictus’, and a charming Cavatina for violin by Mr. Francesco Berger. A third sister, Miss Freda Eissler, also took part in the Concert and exhibited in Schumann’s Fantasie (Op. 17) the qualities of a really first-rate pianist.” („Misses Marianne und Clara Eissler gaben am 8. vergangenen Monats einen Konzertabend in der Princes’ Hall, bei dem ein zahlreiches und verständiges Publikum anwesend war. Die talentierten Schwestern konnten sich glücklich schätzen, eine absolute Neuheit in Form einer Sonate für Harfe und Violine von Spohr vorstellen zu dürfen, deren Manuskript ihnen kürzlich von einer Nichte des Komponisten geschenkt worden war. [...] Sie wurde von den beiden Schwestern wunderschön gespielt, die ebenso vorteilhaft in einer Reihe von Solostücken zu hören waren. Miss Marianne Eissler war besonders erfolgreich mit ihrer Wiedergabe von Dr. Mackenzies bekanntem ‚Benedictus‘ und einer bezaubernden Cavatina für Violine von Francesco Berger. Eine dritte Schwester, Miss Freda Eissler, wirkte ebenfalls bei dem Konzert mit und zeigte in Schumanns Fantasie (op. 17) die Qualitäten einer erstrangigen Pianistin.“; „The Musical Times“ vom 1. Juni 1889, S. 357) Bei einem „Irischen Konzert“ des Harfenisten John Thomas in der Londoner St. James’s Hall im Juli 1890 spielte Marianne Eissler gemeinsam mit dem Konzertgeber und dem Violoncellisten M. Hollmann das Trio f-Moll für Harfe, Violine und Violoncello (WoO 28) von Louis Spohr (vgl. „The Times London“ vom 4. Juli 1890, S. 9), und nach einem weiteren eigenen Konzert im Sommer 1890, bei dem u. a. Louis Spohrs Violinkonzert a-Moll (op. 47, „in Form einer Gesangszene“), Henri Wieniawskis „Airs Russes“, ein „Pibroch“ [Musik für schottischen Dudelsack] nach Pablo de Sarasate und ein von John Thomas arrangiertes Präludium von Felix Mendelssohn Bartholdy auf dem Programm standen, urteilte die Zeitschrift „The Strad“: „Marianne Eissler is now really a violinist of more then ordinary ability, and the manner in which she acquitted herself on this occasion, would have done credit to many an older head. Spohr’s Dramatic Concerto and especially Mackenzie’s ‘Pibroch’ and Wieniawski’s ‘Airs Russes’, all make considerable claim upon the performer and Mdlle. Eissler was triumphant over the difficulties of the works which she had chosen for a display of her powers.” („Marianne Eissler ist mittlerweile wirklich eine Violinistin von mehr als durchschnittlichen Fähigkeiten, und die Art, mit der sie das Konzert meisterte, hätte vielen älteren Geigern Ehre gemacht. Spohrs Dramatische Szene und besonders Mackenzies ‚Pibroch‘ und Wieniawskis ‚Airs Russes‘ forderten bemerkenswert viel von der Interpretin, und Mdlle. Eissler war über die Schwierigkeiten der Werke erhaben, die sie ausgesucht hatte, um ihr Können zu zeigen.“; „The Strad“, Jg. 1 [1890], S. 20)


    Im Herbst 1890 traten Marianne und Clara Eissler in den Gothaer Hofkonzerten auf. Dabei wurde Marianne Eissler vom Großherzog von Sachsen-Coburg und Gotha zur Hofviolinistin, Clara Eissler zur Hofharfenistin ernannt (vgl. „The Strad“, Jg. 1 [1890], S. 160).


    Im Winter 1891/92 gaben Marianne und Clara Eissler wiederum drei eigene Konzerte in London, diesmal in der Steinway Hall. Im ersten dieser Konzerte am 17. Dezember 1891 übernahm Marianne Eissler den Part der ersten Violine in einem Streichquartett, zu dem ferner die Musiker Herr Collins (2. Violine), Herr Kreuz (Viola) und Herr Howell (Violoncello) gehörten. Auf dem Programm standen die Streichquartette B-Dur (op. 18 Nr. 6) von Ludwig van Beethoven und D-Dur (op. 64 Nr. 1) von Joseph Haydn sowie mehrere Stücke für Harfe von Louis Spohr, gespielt von Clara Eissler: „Miss Marianne Eissler may be congratulated on the success of the first of three Concerts which she gave at the Steinway Hall on the 17th ult. In conjunction with Mesrs. Collins, Kreuz, and Howell, capital performances were given of Beethoven’s Quartet in B flat (Op. 18 No. 6) and Haydn’s in D (Op. 64, No. 1). Miss Clara Eissler’s ability on the harp is equal to that of her sister on the violin, and her rendering of works by Spohr constituted an enjoyable feature of the Concert.” („Marianne Eissler kann man zu ihrem Erfolg beim ersten Konzert von dreien, das sie am 17. vergangenen Monats in der Steinway Hall gab, gratulieren. Gemeinsam mit den Herren Collins, Kreuz und Howell wurden großartige Interpretationen von Beethovens B-Dur- (op. 18 Nr. 6) und Haydns D-Dur-Quartett gegeben. Miss Clara Eisslers Fähigkeiten auf der Harfe sind denen ihrer Schwester auf der Violine gleichrangig, und ihre Wiedergabe von Werken Spohrs trugen erfreulich zum Konzert bei.“; „The Musical Times“ vom 1. Januar 1892, S. 25)


    Marianne und Clara Eissler traten bis 1907 regelmäßig in London und anderen britischen Städten auf. Im August 1902 inserierten sie z. B. als Musikerinnen in der „Musical Times“ und wurden zu dieser Zeit von der Londoner Konzertagentur Erard vertreten: „Mdlle. Marianne Eissler (Violinist) / Mdlle. Clara Eissler (Harpenist) / Will be touring in the Provinces from October 1 till November 15. For free dates, apply to Meslles. Eissler, dare of Messrs. Erard, 18, Great Marlborough Street, London, W.” („Mdlle Marianne Eissler (Violinistin) und Mdlle. Clara Eissler (Harfenistin) werden vom 1. Oktober bis zum 15. November eine Tournee durch Großbritannien unternehmen. Für freie Termine, melden Sie sich bei Meslles. Eissler, über Messrs. Erard, 18, Great Marlborough Street, London, W.”; „The Musical Times” vom 1. August 1902, S. 550). Dabei blieben sie in dem ihnen vertrauten Umfeld. So berichtete z. B. die „Musical Times“ am 1. Oktober 1902 von einem Wohltätigkeitskonzert, das von Adelina Patti in Brecon (Wales) veranstaltet wurde und bei dem Adelina Patti selbst (mittlerweile als Baroness Cederström), Marianne und Clara Eissler sowie Wilhelm Ganz auftraten (vgl. „The Musical Times“ vom 1. Oktober 1902, S. 684).


    Im März 1907 komponierte Camille Saint-Saëns während eines Aufenthalts in Bordighera die "Fantaisie A-Dur" für Violine und Harfe (op. 124) für Marianne und Clara Eissler, die er den beiden Schwestern bereits zehn Jahre zuvor versprochen hatte. Zwei Monate später, im Mai 1907, spielten die beiden Schwestern die Fantasie bei einer Durchreise durch Paris Camille Saint-Saëns vor, der daraufhin am 24. Mai 1907 an seinen Verleger Jacques Durand begeistert schrieb: „Les demoiselles Eissler ont traversé Paris et m’ont joué mon duo, ce qui m’a fait un plaisir extrême.“ („Die Demoiselles Eissler waren auf der Durchreise in Paris und haben mir mein Duo vorgespielt, was mir sehr viel Freude bereitete.“, zit. n. Teller Ratner 2002, S. 220). Die Fantasie wurde im Mai 1907 bei Durand in Paris verlegt, und am 3. Juli 1907 spielten Marianne und Clara Eissler im Rahmen eines Konzertes, das ausschließlich Werken Camille Saint-Saëns’ gewidmet war, die Uraufführung in der Londoner Aeolian Hall (vgl. Teller Ratner 2002, S. 218f.). Weiterhin standen das Violinkonzert A-Dur (op. 20), die Fantasie op. 95 für Harfe solo, die Violinsonate d-Moll (op. 75) und die Romance B-Dur (op. 27) für Violine, Harfe und Orgel auf dem Programm (vgl „The Times London“ vom 4. Juli 1907, S. 4). Am Tag nach dem Konzert, am 4. Juli 1907, schrieb Marianne Eissler an Camille Saint-Saëns: „Ma soeur et moi nous vous devons un des plus grands succès de notre carrière. Votre nom retentissant nous a amené une salle comblée d’un auditoire musical et distingué, nous étions pénétrées de notre tâche et j’ose dire, que nous avons bien joué vos divines oeuvres. Je crois que vous auriez approuvé la façon de notre interprétation. Ayant eu la chance d’avoir obtenu vos précieux conseils nous avions plus de confiance en nous et je pense vous assurer, cher maître, que ma soeur et moi nous nous sommes bien rappelées de la manière que vous avez désiré que le duo soit interprété. Le public nous a fait des exclamations plein d’enthousiasme après chaque morceau et nous avons obtenu le succès, que vous avez eu la grande bonté de nous souhaiter.” („Meine Schwester und ich verdanken Ihnen einen der größten Erfolge unserer Karriere. Ihr aufsehenerregender Name hat uns einen vollen Saal mit einem musikalischen und gebildeten Publikum beschert, wir waren durchdrungen von unserer Aufgabe, und ich wage zu sagen, dass wir Ihre göttlichen Werke gut gespielt haben. Ich glaube, dass Sie unsere Interpretationen geschätzt hätten. Nachdem wir das Glück hatten, von Ihnen wertvolle Hinweise zu erhalten, hatten wir mehr Selbstvertrauen, und ich denke, Ihnen versichern zu können, lieber Maître, dass meine Schwester und ich uns gut an die Art und Weise erinnert haben, wie sie das Duo interpretiert haben wollten. Das Publikum hat uns nach jedem Stück voller Enthusiasmus applaudiert, und wir haben jenen Erfolg erhalten, den Sie uns gewünscht hatten.“; Marianne Eissler an Camille Saint-Saëns am 4. Juli 1907, zit. n. Teller Ratner 2002, S. 220).


    Ebenfalls Marianne Eissler gewidmet ist Pablo de Sarasates letzte Komposition aus dem Jahr 1908, „Le Rêve“ (op. 53), und Marianne Eissler spielte am 18. Januar 1909 in Nizza dessen Uraufführung („The Musical Times“ vom 1. März 1909, S. 194).


    Zwischen 1910 und 1920 trat Marianne Eissler, ebenso wie ihre Schwestern, nur noch vereinzelt auf, blieb jedoch im öffentlichen Musikleben präsent. Am 2. Juli 1919 berichtete „The Times London“, dass Marianne und Clara Eissler bei einem Wohltätigkeitskonzert im Haus der Duchess of Somerset aufgetreten seien (vgl. „The Times London“ vom 2. Juli 1919, S. 15), und am 23. Februar 1920 hieß es: „The Misses Eissler have been warmly welcomed on their return to Cannes. Their first public appearance was at a recital in St. Paul’s church. This recital was given by request to obtain funds for the reparation of the organ. The programme included an impressive Invocation for violin (Miss Marianne Eisler) by Goodhart Rendel.” („Die Misses Eissler wurden bei ihrer Rückkehr nach Cannes herzlich empfangen. Ihr erster öffentlicher Auftritt war ein Konzert in der Kirche St. Paul, dessen Einnahmen für die Restaurierung der Orgel gedacht waren. Das Programm enthielt eine eindrucksvolle Invocation für Violine (Marianne Eissler) von Goodhart Rendel.“; „The Times London“ vom 23. Februar 1920, S. 18)


    Nach 1920 sind bislang keine öffentlichen Konzerte von Marianne Eissler mehr nachweisbar. Ihr weiterer Lebensweg ist unbekannt.


    Marianne Eissler spielte eine Geige von Carlo Bergonzi aus dem Jahr 1732, die ihr von Londoner Freunden geschenkt worden war.

    Würdigung

    Marianne Eissler war zwischen 1881 und 1920 kontinuierlich im internationalen Musikleben als Solistin und Kammermusikerin präsent und galt dabei als hervorragende Geigerin. Sie trat überwiegend gemeinsam mit ihren Geschwistern sowie engeren Freunden in Großbritannien und Frankreich auf.

    Rezeption

    Die Tätigkeiten Marianne Eissler werden derzeit nicht rezipiert. Lediglich in Zusammenhang mit der ihr gewidmeten „Fantaisie“ op. 124 von Camille Saint-Saëns ist ihr Name bekannt (vgl. Teller Ratner 2002).

    Werkverzeichnis

    Bearbeitungen


    Chopin, Frédéric. Nocturne en fa mineur, op.55 Nr.1, transcrit pour violon avec accompagnement de harpe ou piano par Marianne et Clara Eissler. Leipzig, St. Petersburg: Julius Heinrich Zimmermann, 1907.

    Repertoire

    Eine Repertoireliste Marianne Eisslers kann derzeit aufgrund fehlender Forschungen nicht erstellt werden. Nachweisbar sind Aufführungen der folgenden Werke:


    Bach, Johann Sebastian. „Bereite Dich Zion“ aus dem Weihnachtsoratorium (BWV 248)


    Beethoven, Ludwig van. Romanze für Violine und Orchester G-Dur, op. 40

    Beethoven, Ludwig van. Streichquartett B-Dur, op. 18 Nr. 6

    Beethoven, Ludwig van. Sonate für Violine und Klavier c-Moll, op. 30 Nr. 2


    Berger, Francesco. Cavatine


    Bruch, Max. Konzert für Violine und Orchester g-Moll, op. 26


    Dussek, Jan Ladislav. Sonate für Violine und Klavier


    Gade, Nils. Konzert für Violine und Orchester d-Moll, op. 56


    Goldmark, Karl. Suite D-Dur für Violine und Klavier, op. 11


    Grieg, Edward. Sonate für Violine und Klavier


    Haydn, Joseph. Streichquartett D-Dur, op. 64 Nr. 1


    Mackenzie, Alexander. Benedictus


    Paganini, Niccolò. Moto perpetuo, op. 11


    Rendel, Goodhart. Invocation für Violine


    Saint-Saëns, Camille. Fantaisie A-Dur für Violine und Harfe, op. 124

    Saint-Saëns, Camille. Introduction et Rondo capriccioso, op. 28

    Saint-Saëns, Camille. Konzert für Violine und Orchester A-Dur, op. 20

    Saint-Saëns, Camille. Romance B-Dur für Violine, Harfe und Orgel, op. 27

    Saint-Saëns, Camille. Sonate für Violine und Klavier d-Moll, op. 75


    Sarasate, Pablo de. Le Rêve, op. 53

    Sarasate, Pablo de. Zigeunerweisen, op. 20


    Spohr, Louis. Konzert „in Form einer Gesangszene“ für Violine und Orchester a-Moll, op. 47

    Spohr, Louis. Sonate für Violine und Harfe C-Dur, op. 113

    Spohr, Louis. Trio f-Moll für Harfe, Violine und Violoncello, WoO 28


    Vieuxtemps, Henri. Air varié

    Vieuxtemps, Henri. Fantasia appassionata G-Dur, op. 35


    Wieniawski, Henri. Airs Russes

    Quellen

    Literatur


    Borchard, Beatrix. Stimme und Geige. Amalie und Joseph Joachim. Biographie und Interpretationsgeschichte. Wien: Böhlau-Verlag, 2005.


    Straeten, Edmond van der. The History of the Violin. Its ancestors and Collateral Instruments From Earliest Times. Vol. II. London 1933. Reprint: New York: Da Capo Press 1968.


    Teller Ratner, Sabina. Camille Saint-Saëns 1835-1921. A Thematic Catalogue of his Complete Works. Volume 1: The Instrumental Works. Oxford: University Press, 2002.



    Konzertkritiken und Zeitungsartikel


    Musikalisches Wochenblatt vom 8. September 1881, S. 442.

    Musikalisches Wochenblatt vom 7. Dezember 1882, S. 596.

    Musikalisches Wochenblatt vom 21. Dezember 1882, S. 624.

    Musikalisches Wochenblatt vom 16. August 1883, S. 416.

    Musikalisches Wochenblatt vom 13. März 1884, S. 160.

    Musikalisches Wochenblatt vom 17. September 1885, S. 474.

    Musikalisches Wochenblatt vom 21. Oktober 1886, S. 530.

    Musikalisches Wochenblatt vom 15. November 1888, S. 559.


    Neue Zeitschrift für Musik vom 24. November 1882, S. 521.


    The Musical Times vom 1. August 1885, S. 485.

    The Musical Times vom 1. Juli 1887, S. 408.

    The Musical Times vom 1. Januar 1888, S. 39.

    The Musical Times vom 1. Januar 1888, S. 26.

    The Musical Times vom 1. August 1888, S. 483.

    The Musical Times vom 1. Juni 1889, S. 357.

    The Musical Times vom 1. Januar 1892, S. 25.

    The Musical Times vom 1. August 1902, S. 550.

    The Musical Times vom 1. Oktober 1902, S. 684.

    The Musical Times vom 1. März 1909, S. 194.


    The Strad, Jg. 1 (1890), S. 20.

    The Strad, Jg. 1 (1890), S. 160.


    The Times London vom 10. Juni 1887, S. 8.

    The Times London vom 12. Dezember 1888, S. 8.

    The Times London vom 4. Juli 1890, S. 9.

    The Times London vom 4. Juli 1907, S. 4.

    The Times London vom 2. Juli 1919, S. 15.

    The Times London vom 23. Februar 1920, S. 18.

    Forschung

    Zu Marianne Eissler liegen keine weiteren Forschungsinformationen vor. Die Anzahl und Identität der Geschwister Eissler ist in weiteren Forschungen zu klären. Denkbar wäre, dass die Pianistinnen Emmy Eissler und Frida (bzw. Fanny oder Freda) Eissler ein- und diesselbe Person waren, die in der Öffentlichkeit jeweils unterschiedliche Vornamen wählte.

    Forschungsbedarf

    Der Forschungsbedarf zu Marianne Eissler umfasst ihre Biografie sowie alle ihre Tätigkeiten.

    Autor/innen

    Silke Wenzel, 29. Juli 2010


    Bearbeitungsstand

    Redaktion: Regina Back
    Zuerst eingegeben am 17.08.2010
    Zuletzt bearbeitet am 23.11.2017


    Empfohlene Zitierweise

    Silke Wenzel, Artikel „Marianne Eissler“, in: MUGI. Musikvermittlung und Genderforschung: Lexikon und multimediale Präsentationen, hg. von Beatrix Borchard und Nina Noeske, Hochschule für Musik und Theater Hamburg, 2003ff. Stand vom 23.11.2017
    URL: http://mugi.hfmt-hamburg.de/Artikel/Marianne_Eissler