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    von Eva Rieger
    Die Musikschriftstellerin und -pädagogin Lina Ramann.
    Namen:
    Lina Ramann
    Lebensdaten:
    geb. in Mainstockheim, Franken, Deutschland
    gest. in München, Deutschland
    Tätigkeitsfelder:
    Musikschriftstellerin, Musikpädagogin, Autorin, Herausgeberin, Gründerin einer privaten Musikschule.
    Charakterisierender Satz:

    „Die allgemeine National- oder Volksbildung steht gegenwärtig in geringem Zusammenhang mit der Kunst. Letztere ist vorgeschritten, während die andere zurückblieb. Beide aber müssen, wenn die Kunst nicht in egoistische Bahnen gedrängt und dem Volke nicht ein bedeutendes Culturmittel entzogen werden soll, in einem gewissen Einklang stehen. Diese Kluft zwischen ihnen zu füllen, ist eine der größten Aufgaben der Zukunft, bei deren Lösung der musikalischen Erziehung kein geringer Theil zufallen wird.“

    (Lina Ramann)


    Profil

    Autorin der ersten umfassenden, von Franz Liszt autorisierten Biografie „Franz Liszt als Künstler und Mensch“. Als Frau ohne Zugangsmöglichkeit zur Universität, schrieb sie das vierbändige Werk, das als informatives Standardwerk in die Musikgeschichte einging, aber auch viel kritisiert wurde, weil sie sich angeblich zu sehr an Liszts Versionen seines eigenen Lebens gehalten hatte. Ihr „Liszt-Pädagogium“ enthält gesammelte unterrichtspraktische Ratschläge des von ihr verehrten Meisters, dessen gesammelte Schriften sie ins Deutsche übertrug. Sie war zugleich eine engagierte und hochqualifizierte Musikpädagogin, die zahlreiche SchülerInnen am Klavier ausbildete. 1868 veröffentlichte sie eine Sammlung von Vorträgen zu musikpädagogischen Fragen; 1873 erschien die „Allgemeine musikalische Erzieh- und Unterrichtslehre der Jugend“, die ihre praktischen Erfahrungen verarbeitete. Im ersten Teil dieser Studie befasst sie sich mit allgemeinen Grundsätzen der Erziehung und den Formen des Musikunterrichts, um anschließend eine Lehrmethode des musikalischen Elementarunterrichts für das Klavier zu präsentieren, in die ihre bereits veröffentlichten klaviermethodischen Einsichten Eingang fanden.

    Orte und Länder

    Deutschland (Glückstadt, Nürnberg), USA

    Biografie

    Lina Ramann wurde als Tochter eines kunstliebenden Weinhändlers geboren, der eine Ausbildung nach der Volksschule für überflüssig hielt. Mit 14 Jahren brachte sie sich die Grundbegriffe der Harmonielehre und des Generalbasses im Selbststudium bei. Musikunterricht bestritt sie aus dem Verkauf ihrer Winterkleider.

    Nach dem Umzug der Familie nach Leipzig wurde sie von Lysinka Brendel im Fach Klavier ausgebildet. Diese war mit dem Musikschriftsteller Franz Brendel verheiratet, so dass Ramann mit den damals stattfindenden Kämpfen zwischen der Neudeutschen Schule (Liszt, Wagner) und der Richtung um Brahms und Schumann bald vertraut wurde. Aus finanziellen Gründen erwarb sie sich ihre Kenntnisse in Harmonie- und Formenlehre, Musikgeschichte, Musikästhetik sowie Partiturlesen autodidaktisch. Sie beschloss dann, in den USA als Klavierlehrerin zu arbeiten, wobei sie von Farm zu Farm reiten musste, um SchülerInnen in verschiedenen Instrumenten zu unterrichten.

    Nach einer Erkrankung kehrte sie zurück nach Deutschland, unterwarf sich wieder eifrigen Selbststudien und bestand mit glänzendem Erfolg eine Prüfung vor dem Holsteinischen Generalsuperintendenten, die ihr die Erlaubnis zur Errichtung einer eigenen Lehranstalt einbrachte. Sie eröffnete 1858 in Glückstadt in Schleswig ein Musikinstitut für „junge Damen, welche die Musik zu ihrem Lebensberuf machen wollen“, und unterstrich somit den professionellen Anspruch.

    1866 verlegte sie das Institut nach Nürnberg, wo sie es zusammen mit ihrer Lebensgefährtin Ida Volckmann leitete. Mit dem Band „Aus der Gegenwart“, einer Sammlung von Vorträgen, die sie in ihrem Institut gehalten hatte, begann 1868 ihre schriftstellerische Laufbahn.

    Ramann begegnete Liszt erstmals 1859 in Leipzig, daraus entstand eine lebenslange Freundschaft. Als sie für eine Besprechung seines „Christus“-Oratoriums glänzende Rezensionen erhielt, bot ihr ein Verleger an, eine größere Studie über Liszt zu publizieren. „Wie unter dem Leuchtstrahl einer Mission sah ich meinen Weg vor mir. Alle Gegenbedenken, die heftig in mir aufstiegen, gingen unter – selbst meine Freude und mein Drang zum Komponiren wich zurück vor der inneren Stimme: ‚Hier liegt Deine Aufgabe – hier ist Dir eine geschichtliche Mission zuertheilt [...]’“ („Lisztiana“, S. 31). 1875 autorisierte Liszt sie zur Herausgabe seiner Schriften, fortan besuchte er sie und Ida Volckmann regelmäßig in ihrem Nürnberger Institut auf der Durchfahrt von oder nach Weimar. Der Kontakt blieb bis zu seinem Tode 1886 herzlich.

    Von 1874-94 arbeitete sie an der großen dreiteiligen Liszt-Biografie, die 1880 und 1894 erschien und den Höhepunkt ihrer schriftstellerischen Tätigkeit darstellt. 1890 gab sie die Leitung ihrer Nürnberger Musikschule an den Lisztschüler und Freund August Göllerich ab und zog nach München, wo sie 1912 verstarb.

    Würdigung

    Ramanns pädagogisches Œuvre war zweigleisig. Sie entwickelte zum einen eine akribische Klaviermethodik bis hin zum Erwerb professioneller Fähigkeiten. Dabei war sie bemüht, einen organischen Lehrgang zu erstellen, der vor allem den mechanischen Drill verhindern sollte. Zum anderen gab sie ihren pädagogischen Ideen ein theoretisches Fundament, wobei sie auf die anthropologische, musikwissenschaftliche und pädagogische Literatur ihrer Zeit zurückgriff. Gerade weil sie Musik nicht nur als Unterrichtsmittel für ausübende Künstler, sondern als ein allgemeines Erziehungsmittel verstand, zeichnete sie sich durch Vielseitigkeit aus. Sie stützte sich in diesem Zusammenhang auf die drei Säulen Musikgeschichte, Musiktheorie und Fragen der praktischen Musikausübung. Sie lehnte seichte Vielwisserei ab und plädierte für eine gründliche und allseitige Bildung. Sie baute auf einem idealistischen Konzept auf, das alle Erscheinungen des Lebens und der Kunst auf Regelkreise zurückführte, die ihrerseits auf Erscheinungen der Natur zurückgehen. Durch die Verweigerung der Annahme, dass Kunst auch auf materiellen und kulturellen Erscheinungen fußt, lief ihr Konzept zuweilen ins Leere. Allerdings vermied sie irrational-mystische Argumente und blieb stets rational bestimmt.

    Rezeption

    Lina Ramanns Leistungen als Musikpädagogin von Rang waren bis weit ins 20. Jahrhundert hinein vergessen, bis sich 1986 die Zentralstelle für musikpädagogische Dokumentation im Didaktischen Zentrum der J. W. Goethe-Universität in Frankfurt am Main zu einem Reprint ihrer wichtigsten Arbeit „Die Musik als Gegenstand des Unterrichts und der Erziehung“ entschloss. Fast gleichzeitig gab der Verlag Breitkopf & Härtel einen Reprint ihres „Liszt-Pädagogiums“ heraus.

    Die Liszt-Biografie wurde seit ihrer Entstehung meist negativ bewertet („dreibändige apologia pro domo“, „Hausbiographie“, als Versuch der „biederen“ und „schwärmerischen Deutschen“, „den Meister als Engel darzustellen“ u.a.m.). Und dies, obwohl bereits die Musikhistorikerin und Zeitgenossin Ramanns, Marie Lipsius (La Mara), in ihrer Autobiografie schildert, welchen Problemen Ramann ausgesetzt war, als sie das Werk im Auftrag von Liszt schrieb. Dieser bezeichnete seine Biografin übrigens als „chevalier sans peur et sans reproche“.

    1983, mit neunzigjähriger Verspätung, gab Friedrich Schnapp die Aufzeichnungen Lina Ramanns, „Lisztiana“, heraus, die diese 1895 fertiggestellt hatte; eine Art Tagebuch der Jahre 1873-87, als sie an der Liszt-Biografie arbeitete. Durch die Kriegswirren bedingt war das Originalmanuskript verlorengegangen, aber da der Text bereits gesetzt worden war, konnte er dennoch der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. In den Äußerungen Lina Ramanns, die in „Lisztiana“ versammelt sind, wird deutlich, wie Ramann die Lebensgefährtin Liszts, Prinzessin („Fürstin“) Carolyne Sayn-Wittgenstein, auf Liszts Wunsch mehrmals in Rom besuchte und häufig mit ihr stritt, wobei sie sich durchsetzte. Andererseits war sie bemüht, den Wünschen Liszts zu entsprechen. Dies führte dazu, dass sie sich stark auf seine Version seines Lebens verließ, so dass beispielsweise die Rolle seiner früheren Geliebten Marie d’Agoult verfälscht dargestellt wurde.

    James Deaville hat darauf hingewiesen, dass Lina Ramann und Marie Lipsius (La Mara) die ersten deutschen Musikhistorikerinnen von Bedeutung, die sich beide ausgiebig mit Liszt befassten und Bücher über und für ihn schrieben und edierten, eine „genderized“ Sicht des Komponisten pflegten. Es ist eher vom Gegenteil auszugehen, da die vielen Kritiker Ramanns die Leistungen dieser Frau, der ein akademisches Studium verweigert wurde, von vornherein pejorativ bewerten. Eine wissenschaftlich gründliche Erforschung der Lebensleistung Ramanns, die sich vorurteilslos und nicht voreingenommen geriert, steht noch aus.

    Quellen

    a) Autografe


    Ramann-Bibliothek, im sog. Liszt-Nachlass im Goethe- und Schiller-Archiv in Weimar.


    b) Notenausgaben (chronologisch)


    Zus. mit Ida Volckmann. Kindermuse. Kleine Clavierstücke. H. 1-2 Leipzig, 1867.


    Vier Sonatinen op. 9 zum Gebrauch beim Unterricht für Klavier. Leipzig, o. J.


    c) Schriften (chronologisch)


    Technische Studien – Dr. Franz Liszt, dem Begründer einer neuen Ära des Klavierspiels. Hamburg, 1860.


    Bach und Händel. Eine Monographie. Leipzig, 1867 (1869?). (Rezensiert von Friedrich Chrysander. In: LeipzigerAllgMz. v/15 (1870). S. 117-118; 124-126.)


    Aus der Gegenwart. Nürnberg, 1868.


    Die Musik als Gegenstand des Unterrichts und der Erziehung. Leipzig, 1868. Reprint mit einer Einleitung von Eva Rieger. Frankfurt/Main, 1986.


    Allgemeine musikalische Erzieh- und Unterrichtslehre, ein theoretisch-praktisches Lehrbuch für Musik und Lehranstalten. Leipzig, 1868. (2. neu bearbeitete Auflage Leipzig, 1898.)


    Allgemeine musikalische Erziehungs- und Unterrichtslehre. Leipzig, 1870.


    Franz Liszt’s Oratorium Christus – eine Studie mit Notenbeispielen. Leipzig, 1874.


    (Hg.). Franz Liszt. Gesammelte Schriften. Leipzig, 1880-83.


    Franz Liszt als Künstler und Mensch. Leipzig, 1880-1894.


    Franz Liszt’s Oratorium Christus – eine Studie als Beitrag zur zeit- und musikgeschichtlichen Stellung desselben. Leipzig, 1881.


    Lisztiana. Erinnerungen an Franz Liszt in Tagebuchblättern, Briefen und Dokumenten aus den Jahren 1873-1886/87. Arthur Seidl (Hg.). Textrevision von Friedrich Schnapp. Mainz, 1983.


    Franz Liszt als Psalmensänger und die früheren Meister. Leipzig, 1886.

    Listz-Pädagogium. Klavier-Kompositionen Liszt, ... pädagogisch glossirt. Mit Beitr. v. A. Stradal u. a. 5 Serien. Leipzig: Breitkopf & Härtel, 1901.


    Erste Elementarstufe des Klavierspiels. Auf Grundlage der Volks- und Kinderlieder. Leipzig, o. J.


    Grundriß der Technik des Klavierspiels. 3 Teile: 1. Teil: Elementarschule (6 Hefte). III. Teil: Virtuositätsschule (3 Hefte). Breitkopf & Härtel: Leipzig, o. J.


    Elementarstufen des Klavierspiels. Breitkopf & Härtel: Leipzig, o. J.


    Zahlreiche Aufsätze in: Neue Zeitschrift für Musik, Der Klavierlehrer u.a.m.


    d) Sekundärliteratur (alphabethisch)


    Asmussen, Carl Christian. „Lina Ramann – eine bedeutende Frau. Aus den Gründungsjahren der Höheren Töchterschule in Glückstadt“. In: Glückstädter Fortuna. 27.8.1964.


    Binzer, Erika von. In: Signale für die musikalische Welt. 1912. Nr. 21.


    Binzer, Erika von. „Lina Ramann, eine Altmeisterin der Musikpädagogik“. In: Die Musikpflege. 1933/4. Beiheft März. S. 25-29.


    Deaville, James. „Writing Liszt: Lina Ramann, Marie Lipsius, Early Musicology“. In: Journal of Musicological Research. 21.1.(2002).

    Flachsbart, G. In: Allgemeine Musik-Zeitung. Jg. 39. 1912. S. 411ff.


    Göllerich, August. In: Musikpäd. Zeitschrift. II, 3.


    Ille-Beeg, Marie. Lina Ramann. Lebensbild einer bedeutenden Frau auf dem Gebiet der Musik. Nürnberg, 1914.


    Löhner, Ina. Bericht über die 25-jährige Thätigkeit der Ramann-Volkmann’schen Schule zu Nürnberg. Nürnberg, 1890.


    Löhner, Ina. In: Die Lehrerin in Schule und Haus. Jg. 1903. Beilage Nr.14.


    Löhner, Ina. In: Musikpädagogische Blätter. Jg. 35, 9.


    Morsch, Anna. „Lina Ramann“. In: Deutschlands Tonkünstlerinnen. Berlin, 1894. S. 24-27.


    Otto-Peters, Louise. In: Neue Bahnen. Jg. 1884.


    Pottgießer, Karl. In: Die Musik. XI. 15.


    Rieger, Eva. „So schlecht wie ihr Ruf? Die Liszt-Biographin Lina Ramann“. In: NZM. 7/8. (1986). S. 16-20.


    Seidl, Arthur. In: Blätter für Litterarische Unterhaltung. Jg. 1898/99. S. 581f.


    Seidl, Arthur.In: Musikalisches Wochenblatt. Organ der Musiker und Musikfreunde. Jg. 21. Leipzig, 1890. S. 169 ff.


    Seidl, Arthur.In: Allgemeine Musik-Zeitung. Jg. 39. 1912. S. 416ff.


    Seidl, Arthur. In: Die Gesellschaft. Monatszeitschrift für Literatur, Kunst und Sozialpolitik. Jg. 18. Dresden, 1902. H. 11/12.


    Spindler, Doris, Lina Ramann als Musikpädagogin, Magisterarbeit vorgelegt am Lehrstuhl für Musikpädagogik der Philosophischen Fakultät für Geschichts- und Kunstwissenschaften der Ludwigs-Maximilians-Universität München am 2. Oktober 1995.


    Stradal, August. In: Neue Musik-Zeitung. 1911/11. Nr. 15.


    Stradal, August. In: NZM. Jg. 79. 1912. S. 206.

    Forschung

    Fundorte und Kontakte: Wichtigste Anlaufstelle für Materialien zu Lina Ramann ist die sog. Ramann-Bibliothek im Liszt-Nachlass im Goethe- und Schiller-Archiv in Weimar.

    Normdaten

    Virtual International Authority File (VIAF): 64122048
    Deutsche Nationalbibliothek (GND): 12159811X
    Library of Congress (LCCN): n84066967
    Wikipedia-Personensuche

    Autor/innen

    Eva Rieger, Die Grundseite wurde im Dezember 2003 verfasst.


    Bearbeitungsstand

    Redaktion: Sophie Fetthauer
    Zuerst eingegeben am 26.05.2004
    Zuletzt bearbeitet am 17.03.2012


    Empfohlene Zitierweise

    Eva Rieger, Artikel „Lina Ramann“, in: MUGI. Musikvermittlung und Genderforschung: Lexikon und multimediale Präsentationen, hg. von Beatrix Borchard und Nina Noeske, Hochschule für Musik und Theater Hamburg, 2003ff. Stand vom 17.3.2012
    URL: http://mugi.hfmt-hamburg.de/Artikel/Lina_Ramann