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  • Hanny Winterstein

    von Martina Bick
    Namen:
    Hanny Winterstein
    Varianten: Hanny Winterstein-Freiwald
    Lebensdaten:
    geb. in Martiny, Schweiz
    gest. unbekannt in KZ Auschwitz-Birkenau, Polen
    Tätigkeitsfelder:
    Musikerin, Sängerin

    Profil

    Die Musikerin und Sängerin Hanny Winterstein wurde im holländischen Lager Vught interniert und am 21. Mai 1944 in das KZ Ausschwitz-Birkenau eingeliefert, wo sie als verschollen gilt.

    Orte und Länder

    Hanny Winterstein wurde vermutlich in Martigny (oder Naters) im Wallis, Schweiz, geboren. Sie wurde in den Niederlanden im Lager Vught interniert und anschließend nach Ausschwitz-Birkenau deportiert.

    Biografie

    Die Musikerin Hanny Winterstein, Sintezza, geboren 1922 in Naters oder Martigny, Schweiz, wurde am 21. Mai 1944 zusammen mit ihrer Schwester Marie Winterstein, ebenfalls Musikerin, in das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau deportiert und im „Hauptbuch (Frauen)“ unter der Bezeichnung „Musikerin oder Sängerin“ mit der Nummer Nr. [Z] 10722 registriert. Vermutlich sind die beiden Schwestern zusammen mit ihrer Mutter und zwei jüngeren Schwestern eingeliefert worden, denn zwischen ihnen dürfte ihre Mutter Katharine Winterstein (geb. 1895), verzeichnet sein: unter den Nrn. [Z] 10719 bzw. 10723 wurden die jüngeren Schwestern Anna und Karoline W., 13 bzw. 9 Jahre alt, erfasst. Zusätzlich sind noch zwei vermutlich mit ihnen verwandte Holländerinnen dieses Namens dort vermerkt: Anna W., geb. 10.4.1915, sowie die 7-jährige Anny, vermutlich deren Tochter ([Z] 10717 bzw. 10718).

    Thomas Huonker gibt in seiner Studie über Roma, Sinti und Jenische in der Schweiz vor, während und nach dem 2. Weltkrieg Geburtsdatum und -ort von Hanny Winterstein-Freiwald aufgrund der Deportationsliste vom 19.5.1944 aus dem Sammellager Westerbork abweichend mit dem 1.7.1922 an. Als Geburtsort gibt er Naters bei Martigny im schweizerischen Wallis an, was im „Hauptbuch (Frauen)“ verballhornt worden sei zu Mortini. Möglicherweise war Katharina Winterstein und ihren Kindern von den Behörden der Schweiz das Schweizer Bürgerrecht vorenthalten worden (Huonker, „Roma, Sinti, Jenische“, S. 114-115).

    Hanny Winterstein hatte bei ihrer Ankunft in Auschwitz-Birkenau im Mai 1944 bereits das holländische Lager Vught bei s'-Hertogenbosch hinter sich (laut Czech, „Kalendarium“, S. 780, ist für den Tag ihrer Ankunft angegeben, dass der Transport mit holländischen, deutschen und staatenlosen „Zigeunern“ [122 Männern/Jungen, 124 Frauen/Mädchen] aus diesem Lager kam). Im Lager Vught gab es sieben, sehr unterschiedliche Lebensbedingungen bietende Lagersektionen. Es ist unbekannt, in welcher Sektion Hanny Winterstein untergebracht war.

    Über ihr weiteres Schicksal ist bis jetzt nichts bekannt. Claudia Maurer Zenck vermutet, dass sie im „glücklichsten“ Falle nach Ravensbrück deportiert wurde und auch dieses KZ überlebte (Maurer Zenck, August 2016, online-Publikation o.S.). Solange ihr Name nicht in einem der Register von Ravensbrück oder einem anderen Lager aufgefunden wird, muss sie jedoch als im KZ Auschwitz-Birkenau verschollen gelten.

    Quellen

    Czech, Danuta, Kalendarium der Ereignisse im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau 1939–1945, Reinbek 1989.


    Erlass über die Wandermusiker in der Pfalz vom 24.3.1939, in: AMRMK 6/7 (1.4.1939).


    „Hauptbuch des Zigeunerlagers Auschwitz (Frauen)“, in: Gedenkbuch. Die Sinti und Roma im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau, hrsg. vom Staatlichen Museum Auschwitz-Birkenau in Zusammenarbeit mit dem Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma Heidelberg, 2 Bde., München 1993, Bd. 1 (in Bd. 2: „Hauptbuch des Zigeunerlagers Auschwitz [Männer]“).


    Huonker, Thomas, Roma, Sinti, Jenische. Strukturen, Haltungen, Entwicklung in der Schweiz vor, während und nach dem 2. Weltkrieg. Teilbericht der Unabhängigen Expertenkommission Schweiz - 2. Weltkrieg vom 22.10.1998. http://www.thata.ch/roma_sinti_jenische_strukturen_haltungen_entwicklungen_thomas_huonker_forschungsmandat_schweiz_zweiter_weltkrieg_1998_vollst.pdf), S. 114 (zuletzt aufgerufen am 14.7.2017).


    Maurer Zenck, Claudia, „Spuren unbekannter deutscher und österreichischer Musikerinnen. Auf der Suche nach NS-verfolgten ‚Zigeunerinnen‘ und ihrer Geschichte, in: Multimediale Festschrift für Beatrix Borchard, online seit August 2016, Kapitel Biographik, http://mugi.hfmt-hamburg.de/Beatrix_Borchard/


    Maurer Zenck, Claudia, „Verfolgungsgrund: 'Zigeuner'. Nachruf auf unbekannte Musiker“, in zwei Teilen erschienen in: mr-[musica reanimata-]Mitteilungen H. 88 (Dez. 2015), S. 1–19, und H. 89 (März 2016), S. 1–20.


    Maurer Zenck, Claudia, Verfolgungsgrund: „Zigeuner“. Unbekannte Musiker und ihr Schicksal im „Dritten Reich“, Wien 2016 (= Antifaschistische Literatur und Exilliteratur – Studien und Texte, Bd. 25).


    Links:


    http://www.thata.ch/roma_sinti_jenische_strukturen_haltungen_entwicklungen_thomas_huonker_forschungsmandat_schweiz_zweiter_weltkrieg_1998_vollst.pdf


    http://www.gedenkstaettenforum.de/nc/gedenkstaetten-rundbrief/rundbrief/news/das_nationale_denkmal_lager_vught/ (zuletzt abgerufen am 20.1.2017).


    https://www.lexm.uni-hamburg.de/object/lexm_lexmperson_00006767

    Forschungsbedarf

    Die vier Sängerinnen, die im „Hauptbuch des Zigeunerlagers Auschwitz (Frauen)“ aufscheinen (Hanny Winterstein und Marie Winterstein, Therese Anna Weindlich und Anna Weindlich), waren ebenso wenig in der Reichsmusikkammer angemeldet wie die als „Musikerin“ eingetragenen (Martha Eckstein, Dora Christ, usw.), stellt Claudia Maurer Zenck fest (vgl. Maurer Zenck, a.a.O.). Sie vermutet, dass diese Musikerinnen mit einer Kapelle Unterhaltungsmusik gemacht haben und dazu durch die Städte oder über Land gezogen waren. „Denn die sog. Wandermusiker wurden seit 1937 bis zum 1. April 1939 im ‚Dritten Reich‘ per Erlass nach und nach aus der Reichsmusikkammer ausgeschlossen (Erlass über die Wandermusiker in der Pfalz vom 24.3.1939, Absatz II, S. 23; infolgedessen konnten die Österreicherinnen nach dem ‚Anschluss‘ vermutlich gar keinen Antrag auf Aufnahme mehr stellen). Die ganz jungen Frauen kamen dafür ohnehin noch nicht in Frage; sie hatten vermutlich auch noch keinen Wandergewerbeschein, den Reisende benötigten, oder ein vom Arbeitsamt ausgestelltes Arbeitsbuch, in das ihre Engagements in Gaststätten o. ä. eingetragen werden mussten. Wie es sich damit bei ihnen und bei den um eine oder zwei Generationen älteren Musikerinnen tatsächlich verhielt, muss noch erforscht werden.“ (Vgl. Maurer Zenck, a.a.O.)

    Autor/innen

    Martina Bick


    Bearbeitungsstand

    Redaktion: Silke Wenzel
    Zuerst eingegeben am 21.07.2017


    Empfohlene Zitierweise

    Martina Bick, Artikel „Hanny Winterstein“, in: MUGI. Musikvermittlung und Genderforschung: Lexikon und multimediale Präsentationen, hg. von Beatrix Borchard und Nina Noeske, Hochschule für Musik und Theater Hamburg, 2003ff. Stand vom 21.7.2017.
    URL: http://mugi.hfmt-hamburg.de/Artikel/Hanny_Winterstein