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  • Emma Brandes

    von Silke Wenzel
    Die Pianistin Emma Brandes. Fotografie um 1870
    Namen:
    Emma Brandes
    Geburtsname: Emma Vick
    Ehename: Emma Engelmann
    Varianten: Emma Brandes-Engelmann, Emma Engelmann-Brandes
    Lebensdaten:
    geb. in Neubukow, Deutschland
    gest. in Berlin-Spandau, Deutschland
    Tätigkeitsfelder:
    Pianistin, Solistin, Kammermusikerin, Förderin (ideell)
    Charakterisierender Satz:

    „Meine musikalische Welt gewann durch das wachsende Interesse, das Emma Engelmann an mir nahm. Diese kleine rundliche Dame in den Fünfzigern wirkte immer so, als werde sie augenblicks von ihren altmodischen Korsetts erdrückt. In ihrem vollen Gesicht standen lebhafte, scharf blickende Augen, und in unstillbarer Emsigkeit ging sie nie, wenn sie statt dessen laufen konnte. Doch was war sie für eine großartige Pianistin! Sie spielte ganz schlicht, aber außerordentlich ausdrucksvoll; keine Spur der gewaltigen Kraft eine Carreño, keine Spur der ‚Gefühligkeit’ vieler Pianistinnen.“


    (Arthur Rubinstein über Emma Brandes, in: Arthur Rubinstein. Erinnerungen. Die frühen Jahre. Frankfurt a. M.: Fischer, 1976, S. 59)


    Profil

    Emma Brandes galt zu Beginn der 1870er Jahre als vielversprechendes pianistisches Talent. Ausgebildet wurde sie vom Schweriner Hofkapellmeister Aloys Schmitt, dem Hofpianisten August Goltermann und von Clara Schumann , die von ihrer jungen Schülerin und deren Musikalität begeistert war (vgl. Litzmann 1902-1908, Bd. 3, S. 241). Emma Brandes trat in Deutschland, Österreich und England u. a. gemeinsam mit dem Geiger Joseph Joachim, der Sängerin Amalie Joachim und Clara Schumann auf. Im Jahr 1874 heiratete sie den Utrechter Physiologen Theodor Wilhelm Engelmann, nahm den Namen ihres Mannes an und zog sich aus dem öffentlichen Konzertleben weitgehend zurück. Dennoch blieb sie gemeinsam mit ihrem Mann in den Freundeskreisen bekannter Musikerinnen und Musiker präsent, darunter Johannes Brahms, Clara Schumann und Arthur Rubinstein. Das Haus Engelmann wurde für diesen Kreis zu einer Art Zuflucht und die Dokumente über die Freundlichkeit und ideelle Förderung, die von diesem Ehepaar ausging, sind zahlreich.

    Entsprechend ist Emma Brandes bzw. Emma Engelmann eine der wenigen Musikerinnen, über deren kurze künstlerische Laufbahn bis heute nur sehr wenig bekannt ist, deren Persönlichkeit jedoch in vielen Schriften äußerst plastisch dargestellt wird.

    Orte und Länder

    Emma Brandes wurde in Neubukow geboren. Ihre pianistische Ausbildung erhielt sie zunächst in Schwerin und ab 1870 bei Clara Schumann in Baden-Baden. Im Jahr 1874 heiratete sie den Physiologen Theodor Wilhelm Engelmann und folgte ihm nach Utrecht. Als ihr Mann 1897 das Institut für Physiologie an der Berliner Universität übernahm, zog das Ehepaar nach Berlin, wo Emma Brandes bis zu ihrem Tod lebte.


    Zwischen 1870 und 1873 unternahm Emma Brandes Konzertreisen durch Deutschland, England (1870/71) und Österreich.

    Biografie

    Emma Brandes, geb. Vick, wurde am 28. Januar 1853 in Neubukow als fünftes der insgesamt sechs Kinder des Kantors Andreas Johann Franz Vick und seiner Ehefrau Ida Auguste Charlotte Eleonore, geb. Brandes, geboren. Ihren ersten Klavierunterricht erhielt sie bei Aloys Schmitt, dem Hofkapellmeister des Schweriner Hofs, und anschließend setzte sie ihre musikalisch-pianistische Ausbildung bei dem Schweriner Hofpianisten und Musiklehrer August Goltermann fort. Finanziert wurde ihre Ausbildung vom Fürstenhaus in Schwerin. Im Jahr 1866 stellte sie sich erstmals in einem Konzert der Öffentlichkeit vor. Sie nahm den Mädchennamen ihrer Mutter als Künstlernamen an und nannte sich Emma Brandes.


    Im Alter von 15 Jahren wurde Emma Brandes Clara Schumann vorgestellt, die begeistert und bedauernd in ihr Tagebuch schrieb: „Den 29. Morgens [im August 1869] kam der Capellmeister Schmitt (aus Schwerin) mit seiner kleinen Schülerin Emma Brandes, ein äußerst talentvolles Mädchen, die technisch schon ganz vortrefflich spielt – sie ist 15 ½ Jahre alt … Könnte ich das Kind doch gleich zu mir nehmen. Wir haben aber den Kopf jetzt zu voll … es geht nicht.“ (Litzmann 1902-1908, Bd. III, S. 231). Ein knappes Jahr später, Ende Juni 1870, nahm Clara Schumann Emma Brandes als Schülerin an und unterrichtete sie privat, vermutlich überwiegend in Baden-Baden. In einem der Tagebucheinträge Clara Schumanns kommt die Wertschätzung, die sie ihrer Schülerin und besonders deren künstlerischem Ernst entgegenbrachte, deutlich zum Ausdruck: „Juli [1870]. „Emma Brandes kam [am letzten Juni] und blieb 8 Tage bei uns. – An ihr hatte ich große Freude, und mit jedem Tage war sie mir lieber. Es war aber eine sehr aufregende Zeit für mich, ich lebte meine früheste Jugend in ihr durch und bei der Freude, die ich hatte endlich einmal wirklich ein Talent nach meinem Sinne aufsteigen zu sehen, und vor allem auch eine Interpretin für Roberts Compositionen, befiel mich doch stets der wehmüthige Gedanke, nun brauche ich bald nicht mehr da zu sein – diese wird mich ablösen! […] Mit jedem Stück, das sie mir vorspielte, erstaunte und erfreute sie mich von Neuem. Wenn sie sich ans Clavier setzt, so kommt gleich der heilige Ernst über sie, sie ist ganz dem hingegeben, und dies habe ich bei keiner von all den jungen Mädchen, die so nacheinander aufstiegen und wieder verloschen, gesehen.“ (Tagebucheintrag Clara Schumann vom Juli 1870, Litzmann 1902-1908, Bd. 3, S. 241)


    Bereits zu Beginn ihrer Studienzeit bei Clara Schumann (ab 1870) konzertierte Emma Brandes regelmäßig und galt in der Öffentlichkeit bald als viel versprechende Pianistin. So schrieb z. B. die Leipziger Musikzeitschrift „Die Tonhalle“ am 7. Dezember 1870 über ein Konzert von ihr, in dem sie das Klavierkonzert g-Moll op. 25 von Felix Mendelssohn Bartholdy spielte (vermutlich in Leipzig): „Einen höchst erfreulichen poetischen Reiz gewährten die Claviervorträge der sechzehnjährigen Frl. Emma Brandes aus Schwerin. Wenn eine so jugendliche Persönlichkeit sich an ein Stück wagt, wie das G-Moll-Concert von Mendelssohn, [...] so will das viel sagen. [...] Wir mussten uns bei dem Spiel der Frl. Brandes gestehen, was zu ahnen noch kein Künstler bei uns veranlasst hatte, daß das G-Moll-Concert dem Ausführenden, wenn er von musikalischer Intuition durchdrungen ist, bei dem Spielen dieses scheinbar mehr für die glänzende Entwicklung wahrer Technik geschriebenen Stückes Gelegenheit giebt, alle Vorzüge eines vortrefflichen Clavierspielers zu offenbaren.“ (zit. n. http://www.cavallerotti.de/html/projekt_set/projekte/mendelssohn/mendelssohn_essay.html)


    In den Jahren 1871 und 1872 unternahm Emma Brandes mehrere Konzertreisen durch England und trat dort u. a. mit Clara Schumann in einem der Konzerte für zwei Klaviere (zwei Cembali) von Johann Sebastian Bach sowie mit dem Geiger Joseph Joachim auf. Gemeinsam mit der Sängerin Amalie Joachim gab sie im März 1871 ihr Londoner Debütkonzert in den Monday Popular Concerts. Sie spielte ein Presto aus Domenico Scarlattis „Essercizi per gravicembalo“, die Arabeske C-Dur op. 18 von Robert Schumann und Carl Maria von Webers Klaviersonate C-Dur op. 24. Ebenso wie die deutsche Musikkritik, war auch der Kritiker der London Times von der Pianistin begeistert: „A new pianist and a singer almost as good as new […] appeared at the concert of Monday evening. Both were received with the almost cordiality. The pianist, Mdlle. Brandes, a pupil of Professor Schmitt, of Schwerin, though quite young, already exhibits considerable promise. […] Her most striking performance was the Presto of Scarlatti, in which she exhibited remarkable fluency and spirit, together with much dexterity in those passages where the left hand perpetually crosses and recrosses the right – an exhibition of manipulative skill […]. The general effect […] was brilliant, and the young pianist, on leaving the platform, was compelled to return and give yet another piece. […] Mdlle. Brandes obtained a success, which should and doubtless will, stimulate her to increased exertions. Such promise as hers is worth careful tendering.” („Eine hier bislang unbekannte Pianistin und eine hier fast unbekannte Sängerin […] traten beim Konzert am Montag Abend auf. Beide wurde nahezu herzlich empfangen. Die Pianistin, Mdlle. Brandes aus Schwerin, eine Schülerin von Professor Schmidt, zeigt, obwohl sie noch sehr jung ist, bereits ein viel versprechendes Talent. […] Am meisten Eindruck machte ihre Interpretation des Presto von Scarlatti, in dem sie bemerkenswerte Geläufigkeit und ein bemerkenswertes Temperament bewies, zusammen mit einer großen Gewandheit in jenen Passagen, in denen sich linke und rechte Hand fortwährend überkreuzen – eine Darstellung von beeindruckender Geschicklichkeit […]. Der allgemeine Eindruck war brillant, und die junge Pianistin wurde beim Verlassen der Bühne gezwungen zurückzukehren, und noch ein weiteres Stück zu spielen. Mdlle. Brandes erreichte einen Erfolg, der sie anreizen sollte und zweifellos wird, ihre Anstrengungen zu erhöhen. Solche hoffnungsvollen Talente wie das ihre sind es wert, sorgfältig gepflegt zu werden.“; „The Times London“ vom 24. März 1871, S. 4.)


    Bis zu ihrer Heirat konzertierte Emma Brandes auch in Deutschland und Österreich. Außer den wenigen Musikkritiken ist allerdings über ihre künstlerischen Tätigkeiten in dieser Zeit bislang kaum etwas bekannt.


    Im Dezember 1873 verlobte sich Emma Brandes mit dem verwitweten Utrechter Physiologen Theodor Wilhelm Engelmann (1843-1909). Dass Emma Brandes zu dieser Zeit bereits in den Freundeskreis um Clara Schumann aufgenommen worden war, spiegelt sich u. a. in verschiedenen Briefen. So berichtete Clara Schumann Johannes Brahms von der Verlobung in einem Brief vom 22. Dezember 1873: „Emma Brandes ist mit Professor Engelmann in Utrecht verlobt – ich freue mich sehr.“ (Brief von Clara Schumann an Johannes Brahms vom 22. Dezember 1873; Briefwechsel, S. 36)


    Mit ihrer Heirat 1874 nahm Emma Brandes den Namen ihres Mannes an, ließ sich mit ihm in Utrecht nieder und zog sich aus dem öffentlichen Konzertleben vollständig zurück. Dennoch blieben ihre künstlerischen Tätigkeiten ein zentraler Bestandteil ihres Lebens. Bereits kurz nach ihrer Heirat, am 17. Oktober 1874, schrieb ihr Mann an Clara Schumann, um sie zu einem Konzert einzuladen und berichtete zugleich über Emma Engelmann, sie sei „frischer als je, und sucht über die Hausfrau die Künstlerin nicht zu vergessen.“ (zit. n. Litzmann III, S. 315) Fast zwanzig Jahre später, am 8. März 1893, heißt es in einem Brief, wiederum von ihrem Mann an Clara Schumann, dass „Emma in die neuen Brahmsschen Clavierstücke, die so überraschend neu sind, mit ganzer Liebe sich vertieft“ habe (Litzmann III, S. 569). Von 1874 bis 1897 lebten Emma Engelmann und ihr Mann im Engelmannschen Haus, dem „Lucasbolwerk“, in Utrecht. Als Theodor Wilhelm Engelmann 1897 das Institut für Physiologie an der Universität Berlin übernahm, bezog das Ehepaar eine Wohnung im Institut. In beiden Städten galt das Haus Engelmann als beliebter Treffpunkt und Aufenthaltsort für Musikerinnen und Musiker, darunter Clara Schumann und Aloys Schmitt, Johannes Brahms, Joseph Joachim, Edward Grieg und in späteren Jahren auch der junge Arthur Rubinstein. Zwischen Theodor Wilhelm Engelmann und Johannes Brahms entwickelte sich zudem eine enge Freundschaft, von der u. a. ein umfangreicher Briefwechsel zeugt (Brahms [1918]); 1876 widmete Johannes Brahms sein Streichquartett B-Dur, op. 67, dem Utrechter Physiologen. Der Brahms-Biograf und -Freund Max Kalbeck berichtete über das Verhältnis von Johannes Brahms zu den Engelmanns: „Er [Brahms] war nach Holland eingeladen worden, und Professor Engelmann, der im Sommer 1874 am Züricher See gute Nachbarschaft mit ihm gehalten hatte, scheint die Hand dabei im Spiele gehabt zu haben. Als Gatte der gefeierten Pianistin Emma Brandes und in der Eigenschaft eines vorzüglichen Violoncell-Dilettanten stand er nach dem Antritt seiner Utrechter Professur bald im Mittelpunkte des weitverzweigten, einheitlich organisierten holländischen Musikwesens und hatte in der alljährlich zusammentretenden Generalversammlung der holländischen Konzertdirektionen Sitz und Stimme. […] Mitte Januar 1876 kam Brahms in Holland an und schlug bei Engelmanns in Utrecht sein Quartier auf.“ (Kalbeck III, S. 66f.) Am 23. August 1893 schrieb Clara Schumann an Johannes Brahms: „Engelmanns kamen gestern für den Nachmittag zu uns – das war eine Freude für mich. Das sind so glückliche Menschen – das tut einem so wohl. Und welche Liebe und Begeisterung haben sie für die Kunst! – Emma bleibt immer jung, lacht aber nicht mehr so viel, und so lacht man gern mit ihr, wenn sie lacht.“ (Clara Schumann an Johannes Brahms, Brief vom 23. August 1893, II, S. 524) Der Pianist Arthur Rubinstein beschrieb in seinen Erinnerungen äußerst eindrucksvoll die ideelle Förderung, die er durch Emma Engelmann erfahren hatte: „Meine musikalische Welt gewann durch das wachsende Interesse, das Emma Engelmann an mir nahm. Diese kleine rundliche Dame in den Fünfzigern wirkte immer so, als werde sie augenblicks von ihren altmodischen Korsetts erdrückt. In ihrem vollen Gesicht standen lebhafte, scharf blickende Augen, und in unstillbarer Emsigkeit ging sie nie, wenn sie statt dessen laufen konnte. Doch was war sie für eine großartige Pianistin! Sie spielte ganz schlicht, aber außerordentlich ausdrucksvoll; keine Spur der gewaltigen Kraft eine Carreño, keine Spur der ‚Gefühligkeit’ vieler Pianistinnen. Wir spielten einander häufig Brahms und Schumann vor und da sie persönliche Verbindungen zu beiden hatte, konnte sie mir manches mitteilen, das sonst kaum jemand wußte.“ (Rubinstein 1976, S. 59) Sowohl in Utrecht als auch in Berlin war das Engelmannsche Haus demnach ein Mittelpunkt kammermusikalischen Lebens.


    Das Ehepaar Engelmann hatte vier Kinder: Elisabeth (1875-1901), Anna Louisa (1876-1924), Wilhelm (1878-1955) und Hans Robert (1885-1946). Auch nach dem Tod ihres Mannes, am 20. Mai 1909, führte Emma Engelmann in Berlin weiter einen großbürgerlichen Haushalt, u. a. da Theodor Wilhelm Engelmann nicht nur über ein Professoren-Gehalt verfügt, sondern auch den väterlichen Wilhelm-Engelmann-Verlag geerbt hatte. Im Zuge des Ersten Weltkriegs und der Währungsreform zog Emma Brandes mit ihrem Sohn Hans Robert, dessen Frau Caroline, geb. Cathrein, und deren beiden Töchtern in eine gemeinsame Wohnung in Berlin, wo Emma Engelmann bis zu ihrem Tod lebte.


    Emma Engelmann starb am 14. Juni 1940 in Berlin. Ihr Grab befindet sich noch heute auf dem Friedhof der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Gemeinde am Fürstenbrunner Weg in Berlin.

    Würdigung

    Emma Brandes galt zu Beginn der 1870er Jahre als ein viel versprechendes pianistisches Talent und konnte sich während ihrer Unterrichtszeit bei Clara Schumann im englischen und deutschen Konzertleben etablieren. Mit ihrer Heirat 1874 gab sie zwar das öffentliche Konzertieren auf, spielte aber weiterhin im privaten Rahmen. Für viele Künstlerinnen und Künstler waren die Wohnungen der Familie Engelmann ein wichtiges Zentrum. Die Gastfreundschaft und die freundliche Offenheit der Familie wird in zahlreichen Dokumenten angesprochen, darunter Briefe und Erinnerungen von Johannes Brahms und Clara Schumann, die mehrfach in Utrecht zu Besuch waren. Äußerst plastisch beschrieb z. B. Arthur Rubinstein in seinen Erinnerungen die Atmosphäre im Haus Engelmann in Berlin: „Joseph Joachim führte mich in eine hochinteressante Familie ein: Professor Engelmann war Direktor des Instituts für Physiologie an der Berliner Universität, ein Nachfolger des berühmten Helmholtz. Seine Frau war eine bekannte Pianistin, Emma Brandes, eine Meisterschülerin von Clara Schumann. Nach ihrer Heirat gab sie die Konzertlaufbahn auf, doch hatte ich öfter Gelegenheit, sie zu hören und an zwei Klavieren mit ihr zu spielen. Es waren auch Kinder da. Hans, der jüngste, ein großer blonder Junge meines Alters, schloß mich in sein Herz, und so gehörte ich bald zur Familie.

    Engelmanns Wohnung im Institut nahm die gesamte Vorderseite des Universitätsgebäudes ein. Zwei Bechstein-Konzertflügel wirkten geradezu verloren in dem weitläufigen Musikzimmer, und dies wiederum lag zwischen zwei etwas kleineren Bibliotheksräumen. Hans hatte ein eigenes Spielzimmer, hier füllte eine elektrische Eisenbahn, unser Lieblingsspielzeug, den ganzen Platz. Ferner lernte ich durch ihn die Abenteuerbücher von Karl May kennen, die ich gierig verschlang; ich revanchierte mich dafür, indem ich Hans mit Jules Verne bekannt machte. Ich sollte vielleicht noch anfügen, daß Engelmanns früher in Utrecht lebten, wo der Vater die gleiche Stellung bekleidet hatte wie jetzt in Berlin und wo Brahms in ihrem Haus mehrmals zu Gast gewesen war. Dessen Streichquartett in B-Dur ist Professor Engelmann gewidmet – ein wahrer ‚titre de gloire’, will mir scheinen.

    Bei Engelmanns also fühlte ich mich besonders wohl, als Mensch wie als Musiker. Mit Vergnügen entsinne ich mich der traulichen Mahlzeiten an ihrem Tisch, über dem die große Lampe hing, des vortrefflichen Holländer Käses, des starken Kaffees, aber auch der geistvollen Gespräche, so wohltuend unterschieden von dem Klatsch, der anderswo an der Tagesordnung war …“ (Rubinstein 1976, S. 49f.)

    Rezeption

    Die künstlerischen Tätigkeiten von Emma Engelmann werden heute kaum mehr rezipiert. Lediglich in den Memoiren und Tagebüchern von Komponistinnen und Interpreten wird ihr Name hin und wieder erwähnt, so dass eine Rezeption ihrer Tätigkeiten vor allem in Zusammenhang mit Forschungen über andere Musikerinnen und Musiker wie Clara Schumann und Johannes Brahms stattfindet.

    Werkverzeichnis

    Von Emma Brandes sind keine Werke bekannt.

    Repertoire

    Eine Repertoireliste lässt sich aufgrund fehlender Informationen bislang nicht erstellen. Emma Brandes konzertierte öffentlich mit Felix Mendelssohn Bartholdys Klavierkonzert g-Moll op. 25, spielte gemeinsam mit Clara Schumann eines der Konzerte für 2 Klaviere (2 Cembali) von Johann Sebastian Bach und gab Soloabende mit Klavierwerken von Domenico Scarlatti, Robert Schumann und Carl Maria von Weber. Nach ihrer Heirat trat sie zwar nicht mehr öffentlich auf, spielte und arbeitete aber weiterhin in privatem Rahmen.

    Quellen

    Literatur und Quellen

    Literatur


    Artikel „Engelmann, Emma“. In: Musiklexikon. Hugo Riemann (Hg.). 6. vollst. umgearb. Auflage. Leipzig: Hesse 1905.


    Artikel „Brandes, Emma“. In: Lexikon der Frau. Bd. I. Zürich: Encyclios Verlag AG, 1954, Sp. 501.


    Brahms, Johannes im Briefwechsel mit Theodor Wilhelm Engelmann. Mit einer Einleitung von Julius Röntgen (= Brahms Briefwechsel Bd. 13). Berlin: Verlag der Deutschen Brahms-Gesellschaft, 1918.


    Clara Schumann – Johannes Brahms. Briefe aus den Jahren 1853-1896. Im Auftrag von Marie Schumann herausgegeben von Berthold Litzmann. Zwei Bände. Leipzig: Breitkopf & Härtel 1927.


    De Vries, Claudia. Die Pianistin Clara Wieck-Schumann. Interpretation im Spannungsfeld von Tradition und Individualität (= Schumann Forschungen Bd. 5). Mainz, London etc.: Schott, 1996.


    Kalbeck, Max. Johannes Brahms. Berlin: Deutsche Brahms-Gesellschaft, 1904-1914.


    Kamen, Martin D. On Creativity of Eye and Ear: A Commentary on the Career of T. W. Engelmann. In: Proceedings of the American Philosophical Society. Vol 130. No. 2 (June 1986), S. 232-246.


    Kingreen, Helmut. Theodor Wilhelm Engelmann (1843-1909): ein bedeutender deutscher Physiologe an der Schwelle zum 20. Jahrhundert (= Münstersche Beiträge zur Geschichte und Theorie der Medizin Bd. 6). Münster: Institut für Geschichte der Medizin der Universität Münster, 1972.


    Litzmann, Berthold: Clara Schumann – ein Künstlerleben. Nach Tagebüchern und Briefen. Leipzig: Breitkopf & Härtel, 1902-1908.


    Rubinstein, Arthur. Erinnerungen. Die frühen Jahre. Frankfurt a. M.: Fischer, 1976.



    Konzertkritiken


    Die Tonhalle. Organ für Musikfreunde vom 7. Dezember 1870.

    The Times London vom 24. März 1871, S. 4.

    Forschung

    In der Staatsbibliothek Berlin, Preußischer Kulturbesitz sind mehrere Briefe von Emma Brandes an verschiedene Adressaten, vor allem an Joseph Joachim erhalten. Ferner befinden sich im Robert-Schumann-Haus Zwickau mehrere Briefe von und an Emma Brandes, verh. Engelmann, sowie Programmzettel ihrer gemeinsamen Auftritte mit Clara Schumann. Der Nachlass von Emma Brandes’ Mann Theodor Wilhelm Engelmann befindet sich in der Handschriftenabteilung der Staatsbibliothek Berlin, Preußischer Kulturbesitz.


    Nachkommen von Emma Brandes bzw. Engelmann leben heute in Deutschland, Holland, Schweden und den USA.

    Forschungsbedarf

    Obwohl Emma Brandes, verheiratete Engelmann, im Zusammenhang mit vielen Musikerinnen und Musikern eine große Rolle spielte, ist über ihr Leben, ihre künstlerischen Tätigkeiten sowie über ihre Arbeit als ideelle Förderin bislang nahezu nichts bekannt. Eine systematische Sichtung von Zeitschriften, eine Auswertung der von ihr erhaltenen Briefe sowie ein Sichtung des Nachlasses ihres Mannes Theodor Wilhelm Engelmann könnte für erste Erkenntnisse und weitere Forschungen sicherlich aufschlussreich sein.

    Normdaten

    Virtual International Authority File (VIAF): 8138422
    Deutsche Nationalbibliothek (GND): 116400323

    Autor/innen

    Silke Wenzel, Die Grundseite wurde im Oktober 2007 verfasst.


    Bearbeitungsstand

    Redaktion: Nicole K. Strohmann
    Zuerst eingegeben am 01.11.2007
    Zuletzt bearbeitet am 21.05.2008


    Empfohlene Zitierweise

    Silke Wenzel, Artikel „Emma Brandes“, in: MUGI. Musikvermittlung und Genderforschung: Lexikon und multimediale Präsentationen, hg. von Beatrix Borchard und Nina Noeske, Hochschule für Musik und Theater Hamburg, 2003ff. Stand vom 21.5.2008
    URL: http://mugi.hfmt-hamburg.de/Artikel/Emma_Brandes