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    von Silke Wenzel
    Namen:
    Emily Shinner
    Ehename: Emily Liddell
    Varianten: Emily Shinner-Liddell
    Lebensdaten:
    * in Cheltenham, England
    in London, England

    In manchen Quellen wird Cheltenham nicht nur als Geburts-, sondern auch als Sterbeort angegeben.

    Tätigkeitsfelder:
    Violinistin
    Charakterisierender Satz:

    „This young lady […] is unquestionably destined to occupy a distinguished position in the profession she has chosen. Not only her technical knowledge of the instrument, but the higher faculties of precision of accent, purity of style, and intelligent appreciation of the meaning of the composer were apparent throughout her performance, and she was greeted with warm and well-deserved applause.”

    (“The Musical Times”, 1.8.1882, S. 444, zit. n. Prante 1999, S. 103)


    „Diese junge Dame […] ist ohne Frage dazu bestimmt, eine hervorragende Stellung in dem von ihr gewählten Beruf einzunehmen. Nicht nur ihre Technik, sondern auch die höchsten Fähigkeiten in der Genauigkeit von Betonungen, Stilreinheit und intelligenter Auffassung dessen, was der Komponist sagen will, waren während des ganzen Konzertes vorhanden. Sie wurde mit warmem und wohlverdienten Applaus aufgenommen.“ (Übersetzung Inka Prante, ebd.)


    Profil

    Emily Shinner zählte zu den ersten Frauen, die an der Königlichen Hochschule für Musik in Berlin offiziell das Fach Violine studieren konnten. Als Schülerin von Joseph Joachim konzertierte sie zunächst in Deutschland und debütierte 1882 in ihrem Heimatland England. Neben ihrer Tätigkeit als Solistin gründete sie 1887 das „Shinner-String-Quartet“, das vermutlich bis zu Beginn der 1890er Jahre auftrat. Auch nach ihrer Heirat 1889 sowie der Geburt dreier Kinder (1890, 1891 und 1892) blieb sie weiterhin im öffentlichen Konzertleben präsent. Emily Shinner starb im Alter von 39 Jahren in London. Über die Gründe für ihren frühen Tod ist bislang nichts bekannt.

    Orte und Länder

    Emily Shinner wurde in Cheltenham (England) geboren. Im Jahr 1874, im Alter von 12 Jahren, kam sie nach Berlin und studierte bei Heinrich Jacobsen und Joseph Joachim das Fach Violine. Sie kehrte vermutlich 1882 nach England zurück und konzertierte in London und verschiedenen kleineren Städten in England. Über Konzertreisen in andere Länder ist bislang nichts bekannt. Sie starb 1901 in London.

    Biografie

    Emily Shinner wurde am 7. Juli 1862 in Cheltenham (England) geboren. Über ihre Kindheit ist nichts Näheres bekannt, außer dass ihr Vater Arthur Shinner hieß. 1874, im Alter von 12 Jahren, kam sie nach Berlin, um das Fach Violine privat bei Heinrich Jacobsen zu studieren, wurde dann aber 1877 als eine der ersten Frauen offiziell in diesem Fach an der Königlichen Hochschule Berlin zugelassen.

    Henry C. Lahee schrieb darüber: “Miss Emily Shinner has been in many respects a pioneer amongst lady violinists, for in 1874, when quite young, she went to Berlin to study the violin. In those days pupils of the fair sex were not admitted to the Hochschule, and Miss Shinner began to study under Herr Jacobsen. It happened, however, that a lady from Silesia arrived at Berlin, intending to take lessons of Joachim, but unaware of the rules against the admission of women to the Hochschule. Joachim interested himself in her, and she was examined for admission. Miss Shinner at once presented herself as a second candidate, and the result was that both ladies were accepted as probationers. In six months Miss Shinner was allowed to become a pupil of Joachim, and thus gained the distinction of being the first girl violinist to study under the great professor.” (Lahee 1916, S. 326f.)

    („Miss Emily Shinner war in mehrerlei Hinsicht ein Pionier unter den Violinistinnen, denn 1874, noch ziemlich jung, ging sie nach Berlin, um Violine zu studieren. In dieser Zeit wurden Schüler des schönen Geschlechts an der Hochschule nicht zugelassen und Miss Shinner begann ihr [Privat-]Studium bei Herrn Jacobsen. Da geschah es, wie auch immer, dass eine Dame aus Schlesien nach Berlin kam um bei Joachim Unterricht zu erhalten, allerdings ohne Kenntnis der Zulassungsverweigerung für Frauen an der Hochschule. Joachim selbst war an ihr interessiert, und sie konnte eine Aufnahmeprüfung absolvieren. Miss Shinner präsentierte sich sofort als zweite Kandidatin und beide wurde auf Probe zugelassen. Nach sechs Monaten wurde Miss Shinner erlaubt, eine Schülerin von Joachim zu werden; sie erhielt damit die Auszeichnung die erste Violinistin zu sein, die bei dem großartigen Professor studierte.“)

    An der Königlichen Hochschule für Musik Berlin erhielt Emily Shinner von 1877 bis 1879 Unterricht bei Heinrich Jacobsen und Joseph Joachim, von 1879 bis 1881 nur bei Heinrich Jacobsen und in ihrem letzten Studienjahr nochmals von beiden Lehrern (vgl. Prante 1999, S. 6). Gegen Ende des Studiums trat Emily Shinner vermutlich in verschiedenen deutschen Städten auf, darunter Berlin, Potsdam und Hamburg (vgl. Artikel „Shinner, Emily“, in Warriner 1896).

    Ostern 1882 verließ Emily Shinner die Königliche Hochschule für Musik Berlin, kehrte nach England zurück und debütierte dort am 3. Juni 1882 in einem Konzert in der Kensington Town Hall. Es folgte am 29. Juni des gleichen Jahres ein Konzert bei der London Musical Society in der St. James Hall (vgl. „The Musical Times“ vom 1.8.1882, S. 444, s. a. Prante 1999, S. 103). Weitere nachweisbare Auftritte in London fanden am 9. Februar 1884 bei den berühmten „Monday Popular Concerts“ sowie am 8. März 1884 im Crystal Palace statt. In diesem Konzert spielte sie Louis Spohrs Violinkonzert e-Moll und zwei „Ungarische Tänze“ von Johannes Brahms in den Bearbeitungen von Joseph Joachim (vgl. Prante 1999, S. 103). In den Jahren 1885 und 1886 konzertierte sie zudem häufig in kleineren Städten, vor allem in Yorkshire (vgl. Prante ebd.).

    Im Jahr 1887 gründete Emily Shinner gemeinsam mit Lucy Riley (2. Vl.), Cecilia Gates (Vla.) und Florence Hemmings (Vcl.) das „Shinner Quartet“, das vermutlich bis Ende 1890 regelmäßig auftrat (vgl. Prante 1999, S. 104). Das erste Konzert fand im King’s College (London) am 2. April 1887, ein weiteres am 13. Juni 1887 in London im „Portmann Room“ statt. Das Programm umfasste Werke des klassisch-romantischen Repertoires: die Streichquartette A-Dur op. 18 von Ludwig van Beethoven, E-Dur op. 44 von Felix Mendelssohn Bartholdy sowie ein Streichquartett aus den Quartetten op. 77 von Joseph Haydn.

    Im Januar 1889 heiratete Emily Shinner Captain Augustus Frederick Liddell (1852–1929) und gebar zwischen 1890 und 1892 drei Kinder: Cecil Frederick Joseph Liddell (1890–1952), David Edward Liddell (1891–1963) und Guy Maynard Liddell (1892–1958). Auch nach ihrer Heirat und der Kinder blieb sie weiterhin im öffentlichen Musikleben präsent. So trat sie zum Beispiel am 18. Februar 1891 mit Nils Gades Violinkonzert d-Moll auf und gab im Juli 1894 zusammen mit dem Pianisten und Clara Schumann-Schüler Leonard Borwick zwei Soloabende mit Werken von Robert Schumann und Johannes Brahms (vgl. Prante 1999, S. 104).

    Emily Shinner-Lidell starb am 17. Juli 1901 im Alter von 39 Jahren in London.

    Würdigung

    Leider ist von Emily Shinner bislang nur sehr wenig bekannt, so dass eine Würdigung im Moment nicht möglich ist.

    Rezeption

    Bis auf wenige kurze Artikel in Lexika des 19. Jahrhunderts ist Emily Shinner heute nahezu unbekannt, obwohl sie als Schülerin Joseph Joachims in den Violinmonografien von Henry C. Lahee (1916) und Edmond van der Straeten (1933) sowie in Andreas Mosers Joseph-Joachim-Biografie (1898) benannt und teils kurz besprochen wird.

    Repertoire

    Eine Repertoireliste lässt sich aufgrund fehlender Informationen zurzeit nicht erstellen. Die wenigen bekannten Konzertprogramme weisen jedoch zumeist das klassisch-romantische Repertoire auf, sowohl in der Sololiteratur als auch im Bereich des Streichquartetts, darunter z. B. Louis Spohrs Violinkonzert e-Moll, Ferdinand Davids Violinkonzert e-Moll, Sonaten von Johannes Brahms und Robert Schumann sowie „Ungarische Tänze“ von Johannes Brahms in der Bearbeitung von Joseph Joachim.


    Nachgewiesen sind bislang die Aufführungen folgender Werke:


    Spohr, Louis:

    Violinkonzert e-Moll (Präzisierung nicht möglich)


    David, Ferdinand:

    Violinkonzert e-Moll op.10


    Gade, Nils:

    Violinkonzert d-Moll op. 56


    Beethoven, Ludwig van:

    Streichquartett A-Dur op. 18

    Mendelssohn Bartholdy, Felix:

    Streichquartett E-Dur op. 44


    Haydn, Joseph:

    Streichquartett aus op. 77 (Präzisierung nicht möglich)

    Quellen

    Literatur


    Artikel „Shinner, Emily“. In: Warriner, J.: National portrait gallery of British musicians, 1896. [verfügbar in wbis: world biographical information system]


    Artikel “Shinner (Emily). In: De Bekker, L. J. Black’s dictionary of music and musicians, 1924. [verfügbar in wbis: world biographical information system]


    Artikel “Shinner, Emily”. In: Brown, J. D. & Stratton, S. S.: British musical biography, 1897 [verfügbar in wbis: world biographical information system]


    Artikel “Shinner, Emily”. In: Grove’s Dictionary of Music and Musicians. 5th edition. Edited by Eric Blom. Vol. VII, London: Macmillan & Co LTD, 1954.


    Lahee, Henry C. Famous Violinists of To-day and Yesterday. Boston: The Page Company Publishers, 1899, 10. Auflage 1916.


    Moser, Andreas. Joseph Joachim. Ein Lebensbild. Berlin: B. Behr’s Verlag, 1898.


    Prante, Inka. Die Schülerinnen Joseph Joachims. Wissenschaftliche Hausarbeit zur Ersten Staatsprüfung für das Amt des Lehrers, Berlin. Unveröffentliches Typoskript, 1999.


    Straeten, Edmond van der. The history of the violin – Its Ancestors and Collateral Instruments. Vol II. Nachdruck der Erstauflage 1933, New York: Da Capo Press1968.



    Konzertkritiken


    The Musical Times vom 1.8.1882, S. 444

    The Musical Times vom 1.7.1887, S. 411

    The Musical Times vom 1.3.1891, o. Seitenangabe

    Forschung

    Emily Shinners 3. Kind, Guy Maynard Liddell (8. November 1892 bis 2. Dezember 1958), hat zahlreiche Nachkommen, so dass heute zwei Enkel und etliche Urenkel von Emily Shinner leben, darunter z. B. die Enkelin Maude Liddell (geb. 1931) und deren drei Kinder. Recherchen im privaten Bereich wären also möglich und vielleicht auch ergiebig.

    Forschungsbedarf

    Obwohl Emily Shinner im Konzertleben Englands zwischen 1880 und 1904 einen festen Platz als Violinsolistin und Kammermusikerin hatte, ist bislang über ihre Studienzeit bei Joseph Joachim, über ihre Arbeit als Musikerin wie auch über ihr Privatleben nur sehr wenig bekannt.

    Normdaten

    Virtual International Authority File (VIAF): 10624070
    Deutsche Nationalbibliothek (GND): 117461768

    Autor/innen

    Silke Wenzel, Die Grundseite wurde im April 2007 verfasst.


    Bearbeitungsstand

    Redaktion: Nicole K. Strohmann
    Zuerst eingegeben am 20.4.2007


    Empfohlene Zitierweise

    Silke Wenzel, Artikel „Emily Shinner“, in: MUGI. Musikvermittlung und Genderforschung: Lexikon und multimediale Präsentationen, hg. von Beatrix Borchard, Hochschule für Musik und Theater Hamburg, 2003ff. Stand vom 20.4.2007.
    URL: http://mugi.hfmt-hamburg.de/Artikel/Emily_Shinner