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  • Bettina von Arnim

    von Klaus Martin Kopitz
    Bettine von Arnim (um 1810)
    Namen:
    Bettina von Arnim
    Geburtsname: Elisabeth Catharina Ludovica Magdalena Brentano
    Varianten: Bettina von Brentano, Bettina Elisabeth Catharina Ludovica Magdalena Arnim, Bettina Elisabeth Catharina Ludovica Magdalena Brentano, Bettina Bettina Arnim, Bettina Bettina Brentano, Bettine von Arnim, Bettine von Brentano, Bettine Elisabeth Catharina Ludovica Magdalena Arnim, Bettine Elisabeth Catharina Ludovica Magdalena Brentano
    Lebensdaten:
    geb. in Frankfurt a. M., Deutschland
    gest. in Berlin, Deutschland
    Tätigkeitsfelder:
    Schriftstellerin, Komponistin, Sängerin, Bildende Künstlerin, Salondame, Widmungsempfängerin
    Charakterisierender Satz:

    „Beide Lieder von Beethoven sind hier beigelegt, die beiden andern sind von mir, Beethoven hat sie gesehen und mir viel Schönes darüber gesagt, daß wenn ich mich dieser Kunst gewidmet hätte, ich große Hoffnungen darauf bauen könnte; ich aber streife sie nur im Flug; denn meine Kunst ist Lachen und Seufzen in einem Säckelchen, und über die ist mir keine.“


    (Bettina von Arnim an Goethe in ihrem Briefroman „Goethe’s Briefwechsel mit einem Kinde“, Berlin 1835, S. 252.)


    Profil

    Bettina von Arnim war eine zentrale Gestalt der deutschen Romantik, die ihre Epoche nachhaltig prägte und ein vielfältiges Schaffen hinterließ. Durch ihre Beziehungen zu Beethoven, Schumann und Liszt ist sie auch musikgeschichtlich von Bedeutung. Ihr eigenes musikalisches Werk umfasst vor allem Lieder. Für großes Aufsehen sorgte ihr politisches und soziales Engagement.

    Orte und Länder

    Bettina von Arnim wirkte hauptsächlich in Frankfurt und Berlin.

    Biografie

    Ihre Eltern waren der aus Italien stammende Frankfurter Großkaufmann Peter Anton Brentano (1735–1797) und dessen Gattin Maximiliane von La Roche (1756–1793). Großmutter mütterlicherseits war die Schriftstellerin Sophie von La Roche (1730–1807), die von Goethe schwärmerisch verehrt wurde. Der Dichter Clemens Brentano (1778–1842) war ihr Bruder.


    Nach dem frühen Tod ihrer Mutter wurde Bettina Brentano von 1794 bis 1797 im Ursulinenkloster Fritzlar erzogen und zog nach dem Tod des Vaters, 1797, zu ihrer Großmutter Sophie von La Roche nach Offenbach. Dort fand sie zahlreiche Briefe Goethes, die sie veranlassten, in Frankfurt Goethes Mutter aufzusuchen. Am 23. April 1807 traf sie in Weimar erstmals mit dem Dichter zusammen und führte im Anschluss eine intensive Korrespondenz mit ihm.


    Ab 1807 lebte Bettina Brentano wieder überwiegend in Frankfurt und schloss sich ihrer älteren Schwester Kunigunde Brentano (1780–1863) an, die mit dem Rechtsgelehrten Friedrich Carl von Savigny (1779–1861) verheiratet war. Im September 1808 folgte sie der Familie Savigny nach Landshut, da Savigny an der dortigen Universität eine Professur für römisches Zivilrecht erhalten hatte.


    Die Musik spielte in ihrem Leben schon früh eine große Rolle. Ihre erste musikalische Ausbildung erhielt sie in Fritzlar, wo sie im Chor des Klosters mitwirkte. In Offenbach wurde sie von Philipp Carl Hoffmann (1789–1842) in Klavier und Musiktheorie unterrichtet und besuchte häufig das Theater im nahen Frankfurt. In einem Brief an Savigny schreibt sie im September 1804: „Ich nehme wieder Klavierstunde bei H[errn] Hoffm[ann aus Offenbach], malgré les tentations, denen ich ausgesetzt bin; singen lerne ich auch recht fleißig, und wenn Opern gegeben werden, so bin ich immer im Theater, überhaupt ist Musik jetzt meine einzige ressource und mein Labsal.“ (Die Andacht zum Menschenbild. Unbekannte Briefe von Bettine Brentano, hrsg. von Wilhelm Schellberg und Friedrich Fuchs, Jena 1942, S. 21.) In ihrer Landshuter Zeit nahm sie ab 1809 Unterricht bei dem Münchner Kapellmeister Peter von Winter (1754–1825), der sie in Gesang und Komposition unterwies. Einem Brief zufolge erhielt sie bei Winter täglich zwei 90-minütige Lektionen. (Die Andacht zum Menschenbild, a. a. O., S. 104.) Nach sechs Monaten musste sie nach Landshut zurückkehren und setzte dort ihre musikalische Ausbildung fort. Ein Kanonikus namens Eixdorfer unterrichtete sie nun vornehmlich in Generalbass. (Bettine und Arnim. Briefe der Freundschaft und Liebe, hrsg. von Otto Betz und Veronika Straub, Band 2, Frankfurt 1987, S. 274f.) 1810 assistierte ihr daneben der Landshuter Jurastudent Alois Bihler (1788–1857), über den sie im März 1810 schreibt: „Er bringt mich in Takt, ich erweitere seine Melodien, er setzt mir einen reineren Baß, ich erfinde ihm die Gegenbewegung zu den Instrumenten.“ (Bettine und Arnim. Briefe der Freundschaft und Liebe, a. a. O, S. 339.) Bihler war vor allem von ihren Gesangsdarbietungen fasziniert: „Hier entfaltete sie völlig ihre wunderbare Eigenthümlichkeit. Selten wählte sie geschriebene Lieder – singend dichtete sie und dichtend sang sie mit prachtvoller Stimme eine Art Improvisation. So zum Beispiel wußte sie in die einfach getragene Scala ebensowohl als in die ihr momentan entquellenden Solfeggien eine Fülle der Empfindung und des Geistes zu legen, daß ich hingerissen ihrem schöpferischen Genius lauschte. […] Gewöhnlich saß Bettina während des Musicirens auf einem Schreibtische und sang von oben herab wie ein Cherub aus den Wolken.“ (Alois Bihler, Beethoven und „das Kind“, in: Die Gartenlaube, Jg. 18 (1870), S. 314f., hier S. 315.) Sie selbst empfand das Erlernen der theoretischen Grundlagen als Behinderung ihrer Fantasie: „Am Generalbaß hab ich auch meinen Ärger. Ich möchte diese Gevatterschaft von Tonarten in die Luft sprengen, die ihren Vorrang untereinander behaupten, und jeden, der den Fluß der Harmonien beschifft, um den Zoll anhalten.“ (Clemens Brentano’s Frühlingskranz, Band 1, Charlottenburg 1844, S. 172.)


    Ihr eigenständiger, schöpferischer Umgang mit Musik hat keinen Geringeren als Beethoven zutiefst beeindruckt. Zu der Begegnung kam es im Frühjahr 1810, als Savigny eine Berufung an die neu gegründete Berliner Universität erhielt und mit seiner Familie in die preußische Metropole übersiedelte. Die Gelegenheit wurde zu einem Besuch in Wien genutzt, wo Bettina Brentano mit den Savignys vom 8. Mai bis zum 3. Juni bei ihrer Schwägerin Antonie Brentano in deren Villa in der Erdberggasse wohnte. Antonie war es auch, die sie zu Beethovens damaliger Wohnung ins Pasqualati-Haus auf der Mölkerbastei begleitete. Unter den zahlreichen Berichten, die Bettina Brentano über diese denkwürdige Begegnung verfasste, ist der früheste ein Brief, den sie am 8. Juni 1810 an ihren zurückgebliebenen Freund Max Prokop von Freyberg (1789–1851) in Landshut richtete. Darin schreibt sie: „da ich bei ihm eintrat ging er auf mich loß sah mich starr an, drückte mir die Hand, spielte auf mein Verlangen was er seit Jahren nicht gethan hatte ging mit, und blieb bis Abends 10 Uhr bei dem Abschied drückte er mich wie jemand den man lange lieb hat ans Herz, noch 2 Abende kam er, es waren die lezten die ich in Wien war“. (Beethoven aus der Sicht seiner Zeitgenossen, hg. von Klaus Martin Kopitz und Rainer Cadenbach unter Mitarbeit von Oliver Korte und Nancy Tanneberger, München 2009, Band 1, S. 17.) Beethoven schenkte Bettina Brentano zum Abschied eine Abschrift seiner Goethe-Vertonung „Neue Liebe, neues Leben“ op. 75 Nr. 2.


    In Folge dieser Begegnung entwickelte sich eine enge Freundschaft zwischen Beethoven und Antonie Brentano, die am 11. März 1811 an Bettina schreibt: „Er besucht mich oft, beinahe täglich, und spielt dann aus eignen Antrieb, weil es ihm Bedürfniß ist Leiden zu mildern, und er fühlt daß er es mit seinen himmlischen Tönen vermag, in solchen Augenbliken muß ich dich oft lebhaft herbey wünschen liebe Bettine, das solche Macht in den Tönen liegt habe ich noch nicht gewußt wie es mir Beethoven sagt.“ (Beethoven aus der Sicht seiner Zeitgenossen, a. a. O., S. 99f.)


    Ende Juli 1812 kam es im böhmischen Badeort Teplitz zu einer zweiten Begegnung Bettina von Arnims mit Beethoven, die anscheinend etwas nüchterner ausfiel – möglicherweise, weil sie im Vorjahr geheiratet hatte und bereits Mutter eines Kindes war. Zudem hatte sie sich mit Goethe überworfen, der sich in diesen Tagen ebenfalls in Teplitz aufhielt. Achim von Arnim schreibt um den 26. Juli 1812 an Savigny: „Denk Dir Göthe und Beethoven hier und meine Frau doch nicht sonderlich amusirt, der erste will aber gar nichts von ihr wissen und der letzte kann gar nichts von ihr hören, der arme Teufel wird immer tauber und sein freundliches Lächeln dazu ist wirklich schmerzlich.“ (Beethoven aus der Sicht seiner Zeitgenossen, a. a. O., S. 23.) In einem späteren Brief an den befreundeten Fürsten Hermann von Pückler-Muskau (1785–1871) hat Bettina von Arnim über diese Teplitzer Begegnung eine Schilderung verfasst, die wohl nur teilweise authentisch ist. Sie kulminiert in der Beschreibung einer Szene, in der Beethoven grußlos durch eine Gruppe um Goethe und Kaiserin Maria Ludovica von Österreich schreitet. (Beethoven aus der Sicht seiner Zeitgenossen, a. a. O., S. 26f.)


    Bettina von Arnim scheint zeitlebens eine gewisse Eifersucht auf Antonie Brentano empfunden zu haben, denn in ihren zahlreichen Äußerungen über Beethoven wird diese nie erwähnt. Dass das keine „Vergesslichkeit“ war, lässt sich daran ablesen, dass sie zwei Briefe Beethovens an sich selbst „erfunden“ hat, die suggerieren, Beethoven sei von 1810 bis 1812 ihr Freund gewesen. (Zu den Brieffälschungen vgl. Renate Moering, Bettine von Arnims literarische Umsetzung ihres Beethoven-Erlebnisses, in: Der „männliche“ und der „weibliche“ Beethoven. Bericht über den Internationalen musikwissenschaftlichen Kongress vom 31. Oktober bis 4. November 2001 an der Universität der Künste Berlin, hrsg. von Cornelia Bartsch, Beatrix Borchard und Rainer Cadenbach, Bonn 2003, S. 251–277.) Darüber hinaus hat sie eine Stelle in dem einzigen authentischen Brief Beethovens an sich „geändert“. Beethoven schreibt darin am 10. Februar 1811: „Liebe, liebe Bettine! Ich habe schon zwei Briefe von ihnen und sehe aus ihrem Briefe an die Tonie, daß sie sich immer meiner und zwar viel zu Vortheilhaft erinnern“. (Ludwig van Beethoven, Briefwechsel. Gesamtausgabe, hg. von Sieghard Brandenburg, Band 2, München 1996, S. 177f.) Im Erstdruck des Briefes ersetzt Bettina Beethovens Worte „an die Tonie“ [Antonie] durch „an Ihren Bruder“ [Clemens]. (Drei Briefe von Beethoven an Bettina, in: Athenäum für Wissenschaft, Kunst und Leben, Januar-Heft 1839, S. 1–7, hier S. 3.)


    Insgesamt wird man Bettina von Arnims Beethoven-Begeisterung und deren Einfluss auf die Zeitgenossen kaum überschätzen können. Speziell das Beethoven-Bild, das sie in ihrem Briefroman „Goethe’s Briefwechsel mit einem Kinde“ (1835) entwarf, hat die Beethoven-Rezeption des 19. Jahrhunderts nachhaltig geprägt.


    Von Achim von Arnim, den sie am 11. März 1811 in Berlin heiratete, lebte sie zumeist getrennt. Während sie in Berlin blieb, bewirtschaftete er die ererbten märkischen Güter Bärwalde und Wiepersdorf. Der daraus resultierende Briefwechsel des Ehepaars, der 1961 erstmals vollständig veröffentlicht wurde, ist erstaunlich unromantisch und enthält nur wenige Hinweise auf künstlerische Interessen und Betätigungen. „Es ist eine Sammlung von Bitten um Besuch, Ankündigungen von Besuchen, Erklärungen, warum es mit den Besuchen (hauptsächlich Achims in Berlin) nicht geklappt habe, ein Nacheinander von Freundlichkeiten und Nörgeleien“. (Der Spiegel, Nr. 18/1962, S. 83–87, hier S. 83.) Dennoch scheint die Ehe intakt gewesen zu sein. In den Jahren 1812 bis 1827 brachte Bettina sieben Kinder zur Welt, die sie weitgehend allein aufzog.


    Erst nach dem Tode Achim von Arnims (1831) und Goethes (1832) beginnt ihre eigene literarische Tätigkeit. Gleich ihr erstes Buch „Goethe’s Briefwechsel mit einem Kinde“, das sie dem Fürsten Hermann von Pückler-Muskau widmet, macht sie schlagartig berühmt und verschafft ihr zahlreiche Bewunderer, darunter den Berliner Schriftsteller Karl Gutzkow (1811–1878). Er besuchte sie 1840 und beschreibt die 54-Jährige wie folgt: „Es lag mir etwas Dämonisches in ihrer Erscheinung; ich fühlte es, daß sie der Natur näher stand, als ich. Ein grauer Schlafrock, ohne alle Eleganz, umschloß kleine und behende Glieder. Bettina ist von mittlerem Wuchs, behend, schmächtig, in ihrer Jugend wie eine Gazelle. Noch hat sie die schönen Augen einer Gazelle, aber auch das Zitternde, Ungewisse des Thier-Auges, sie ist auch hierin der Natur näher, als wir, die wir unsere Blicke zügeln und sie nicht vor unsern Gedanken vorausschießen lassen. Schönes, schwarzes, ich möchte sagen, römisch-katholisches Haar verriethen zwei Locken, die vorn über die Stirn herunterglitten und das Ansehen eines gebrannten Toupets hatten, das im Nebel, feucht geworden, sich auflöst. Die Kräuselung wollte nicht Stich halten, die beiden Locken hätten eben so gut zwei Zöpfe werden können. Mit unruhiger Behendigkeit lief Bettina in dem fast meublelosen Zimmer von einer kleinen Reliquie zur andern; da war Goethe im Kreise seiner Ältern gemalt, da hingen Gypsabgüsse von Schinkel’schen und ihren eigenen Basreliefs, da lagen Mappen mit Cartons und Zeichnungen, ein Flügel stand in der Nähe und wenn Bettina nicht von Einem zum Andern hüpfte, um mir etwas zu erklären, so saß sie unruhig auf dem Sopha und zerpflückte während des Sprechens eine Oblate nach der andern, die sie aus einem kleinen Kästchen langte. Eine so fiebernde Aufregung liegt in ihr! Es ist alles in ihr Leben – und das Lebenszeichen des Lebens ist Zerstörung. Sie hörte, während zwei Stunden, wo ich sie sprach, nicht auf, Oblaten zu zerpflücken.“ (Karl Gutzkow, Ein Besuch bei Bettina, in: Telegraph für Deutschland, Hamburg, Nr. 12 vom 20. Januar 1840, S. 45f.)


    1842 veröffentlichte sie im Leipziger Verlag Breitkopf & Härtel ein Heft mit Liedern und widmete es aus Solidarität dem Berliner Generalmusikdirektor Gaspare Spontini (1774–1851), der wegen „Majestätsbeleidigung“ vom Dienst suspendiert worden war. Am 20. Juni 1842 schrieb sie Franz Liszt (1811–1886) in Weimar: „An Spontini hab ich mein Wort gehalten, indem ich sieben Lieder, mitsamt ihren ganz eigensinnigen Accompagnements ihm zugeeignet, habe stechen lassen. Es tat ihm wohl, wie Balsam auf die Wunde.“ (Briefe hervorragender Zeitgenossen an Franz Liszt, hg. von La Mara, Band 1, Leipzig 1895, S. 47.)


    Ihr Ruhm als Dichterin verschaffte ihr eine nahezu unangreifbare Position, die sie auch zu politischer Betätigung nutzte. So prangerte sie in mutigen Schriften die mangelnde Demokratie sowie das Elend der unteren Schichten an. Für Aufruhr sorgte insbesondere ihr Werk „Dies Buch gehört dem König“ (1843), das einen offenen Brief an König Friedrich Wilhelm IV. (1795–1861) darstellt. Der Anhang, in dem ein Schweizer Lehrer aus den Berliner Armenhäusern berichtet, ist zugleich die erste Sozialreportage der deutschen Literatur. Gutzkow schreibt in seiner Besprechung: „Das neue Königsbuch dieser merkwürdigen Frau ist kein Buch in dem Sinne, daß es wie herbstliches Geblätter eine Weile raschele und unterm Winterschnee vergessen seyn wird, sondern es ist ein Ereigniß, eine That, die weit über den Begriff eines Buches hinausfliegt. Dies Buch gehört dem König, es gehört der Welt. Es gehört der Geschichte an, wie Dante’s Komödie, Macchiavelli’s Fürst, wie Kant’s Kritik der reinen Vernunft. Es sagt Dinge, die noch Niemand gesagt hat, die aber, weil sie von Millionen gefühlt werden, gesagt werden mußten.“ Gutzkow resümiert: „Traurig genug, daß nur ein Weib das sagen durfte, was jeden Mann hinter Schloß und Riegel würde gebracht haben.“ (Karl Gutzkow, Diese Kritik gehört Bettinen, in: Telegraph für Deutschland, Hamburg, Nr. 165 vom 14. Oktober 1843, S. 657–659 und Nr. 166 vom 16. Oktober 1843, S. 661–663, hier S. 657.)


    Eine recht enge Beziehung verband Bettina von Arnim mit Robert Schumann (1810–1856) und dessen Familie. 1837, anlässlich eines Konzerts in Berlin, traf Schumanns spätere Frau Clara Wieck (1819–1896) erstmals mit Bettina von Arnim zusammen. In ihrem Tagebuch notierte sie: „Höchst geistreiche, feurige Frau – was Musik betrifft lauter falsche Urtheile. Sie strömt über von Humor.“ (Berthold Litzmann, Clara Schumann, ein Künstlerleben, Band 1, Leipzig 1903, S. 106f.) Nach mehreren Versuchen Schumanns, ebenfalls Kontakt mit ihr zu bekommen, wandte er sich am 15. Juni 1839 selbst an Bettina von Arnim und bat sie – vergeblich – um Kompositionen und Aufsätze für seine „Neue Zeitschrift für Musik“. (Zwickau, Schumann-Haus, Briefbuch, Nr. 560a, vgl. auch Briefe und Gedichte aus dem Album Robert und Clara Schumanns, hg. von Wolfgang Boetticher, 2. Aufl., Leipzig 1981, S. 214.) Belege für Kontakte mit Schumann bleiben in den folgenden Jahren spärlich, doch am 28. Oktober 1853 besuchen Bettina und ihre jüngste Tochter Gisela von Arnim (1827–1889) die Familie in Düsseldorf. Schumann vermerkte in seinem Haushaltbuch: „Frau v. Arnim (Bettina) u. ihre Tochter Gisel.“ (Robert Schumann, Tagebücher, Band III, Teil 2, hg. von Gerd Nauhaus, Leipzig 1982, S. 640.) Schumann widmete „der hohen Dichterin“ seinen letzten Klavierzyklus „Gesänge der Frühe“ op. 133 nach Gedichten Friedrich Hölderlins, der im Dezember 1855 erschien, als Schumann bereits in der „Irrenanstalt“ Endenich bei Bonn lebte. Bettina von Arnim besuchte ihn dort und berichtet darüber in einem Brief an Clara Schumann. Im Juni 1855 bedankte sich Schumann bei Bettina für ihren Besuch und beschließt seinen Brief mit den Worten: „Erfreuen würde es mich, wenn Sie, Hochverehrte, die Gesänge der Frühe von meiner Clara hörten. Sie wird Ihnen auch die Gesänge zusenden.“ (Briefe und Gedichte aus dem Album Robert und Clara Schumanns, a. a. O., S. 215f.) Durch Schumann lernte Bettina von Arnim auch Johannes Brahms kennen, der ihr 1853 seine Sechs Gesänge op. 3 widmete.


    Welchen Platz die Musik im Leben der Dichterin beanspruchte, belegt eindrucksvoll auch das Aquarell „Quartettabend bei Bettine“, das der Maler Carl Johann Arnold (1829–1916) um 1855 schuf. (Farbige Abb. bei Klaus Günzel, Die Brentanos. Eine deutsche Familiengeschichte, 3. Aufl., Düsseldorf-Zürich 1998, S. 144.) Unter den vielen Musikern, die in ihrem Leben eine Rolle spielten, ist noch der Geiger Joseph Joachim (1831–1907) zu nennen. Zu ihm fühlte sich ab 1849 namentlich Bettinas Tochter Gisela hingezogen, die jedoch 1859, nach dem Tod ihrer Mutter, den Germanisten und Kunsthistoriker Herman Grimm (1828–1901) heiratete.


    Das eigene musikalische Schaffen Bettina von Arnims ist nicht sehr umfangreich und besteht überwiegend aus Liedern und Duetten mit Klavierbegleitung. Nicht alle Werke sind vollendet. Einige Fragmente wurden von Joseph Joachim behutsam ergänzt. Weitgehend vollständig wurde ihr musikalisches Werk erstmals 1920 im vierten Band der Bettina-von-Arnim-Werkausgabe gedruckt. Deren Herausgeber Max Friedlaender hat jedoch massiv in die Kompositionen eingegriffen und sowohl Melodien als auch Begleitung nach eigenem Duktus „umkomponiert“. (Bettina von Arnims Sämtliche Werke, Band 4, Berlin 1920, S. 253–307.) Durch die verdienstvolle Neuausgabe von Renate Moering, die auf den Autographen und Erstdrucken basiert, sind die wenigen Werke inzwischen im Urtext zugänglich.


    Darüber hinaus sind zwei Konvolute mit Skizzen und Entwürfen erhalten, die sich heute in der Pierpont Morgan Library in New York befinden (The Dannie and Hettie Heineman Collection, MS 30 und MS 9B 69).

    Würdigung

    Bettina von Arnims Lieder orientieren sich am Volkslied sowie an den Schöpfungen von Carl Friedrich Zelter und Johann Friedrich Reichardt. Sie sind überwiegend in Strophenform angelegt, die Klavierbegleitung zumeist schlicht gehalten und leicht spielbar.

    Rezeption

    Eine Rezeption des musikalischen Werks von Bettina von Arnim hat bisher nur ansatzweise stattgefunden. Es fehlen daneben eine kritische Untersuchung der Wechselbeziehungen zum zeitgenössischen musikalischen Kontext sowie ambitionierte, maßstabsetzende Interpretationen.

    Werkverzeichnis

    Werke für Gesang und Klavier (Auswahl)


    Herbstgefühl („Fetter grüne, du Laub“, Johann Wolfgang von Goethe), nach 1802

    „Abendstille öffnet Thüren“ (Achim von Arnim), Duett, 1805

    „Vom Nachen getragen“ (Achim von Arnim), Duett, 1805

    „O schaudre nicht“ (Johann Wolfgang von Goethe), 1808–1810 und 1824

    „Den trägen Tag verfolgt der Mond“ (Achim von Arnim), 1809

    Romanze („Der Kaiser ging vertrieben“, Achim von Arnim), 1810

    „Ein Stern der Lieb’ am Himmelslauf“ (Achim von Arnim), 1811

    Lied des Schülers („Die freie Nacht ist aufgegangen“ Achim von Arnim), 1812

    „Mondenschein schläfert ein“ (Achim von Arnim), 1819

    Repertoire

    Test

    Quellen

    Musikalische Werke

    Lieder und Duette für Singstimme und Klavier. Handschriften, Drucke, Bearbeitungen, hg. von Renate Moering, Kassel: Furore 1996 [23 Lieder].


    Literarische Werke und Briefromane

    Goethe’s Briefwechsel mit einem Kinde. Seinem Denkmal, Berlin: Dümmler 1835.


    Tagebuch, Berlin: Dümmler 1835.


    Die Günderode, Grünberg-Leipzig: Levysohn 1840.


    Dies Buch gehört dem König, Berlin: Schroeder 1843.


    Clemens Brentano’s Frühlingskranz aus Jugendbriefen ihm geflochten, wie er selbst schriftlich verlangte, Charlottenburg: Bauer 1844.


    Ilius Pamphilius und die Ambrosia, 2 Bände, Berlin: Arnim 1847/48.


    An die aufgelös’te Preussische National-Versammlung. Stimmen aus Paris, Paris: Massue und Berlin: Reuter & Stargard 1848.


    Gespräche mit Daemonen. Des Königsbuchs zweiter Band, Berlin: Arnim 1852.


    Das Leben der Hochgräfin Gritta von Rattenzuhausbeiuns, zum ersten Mal hrsg. von Otto Mallon, Berlin: Fraenkel 1926 [geschrieben mit ihrer Tochter Gisela von Arnim].


    Bettina von Arnims Armenbuch, hg. von Werner Vordtriede, Frankfurt: Insel 1969.



    Briefe

    Die Andacht zum Menschenbild. Unbekannte Briefe von Bettine Brentano, hg. von Wilhelm Schellberg und Friedrich Fuchs, Jena: Diederichs 1942.


    Achim und Bettina in ihren Briefen. Briefwechsel Achim von Arnim und Bettina Brentano, hg. von Werner Vordtriede, 2 Bände, Frankfurt: Suhrkamp 1961 [Briefe der Jahre 1811–1831].


    Der Briefwechsel zwischen Bettine Brentano und Max Prokop von Freyberg, hg. von Sibylle von Steinsdorff, Berlin-New York: de Gruyter 1972.


    Der Briefwechsel Bettine von Arnims mit den Brüdern Grimm, 1838–1841, hg. von Hartwig Schultz, Frankfurt: Insel 1985.


    Bettine und Arnim. Briefe der Freundschaft und Liebe, 2 Bände, hg. von Otto Betz und Veronika Straub, Frankfurt: Knecht 1986/87 [Briefe der Jahre 1806–1811].


    Bettina von Arnim, „Ist Dir bange vor meiner Liebe?“ Briefe von Philipp Hössli, nebst dessen Gegenbriefen und Tagebuchnotizen, hrsg. von Kurt Wanner, 2. Aufl., Frankfurt: Insel 1997.


    Lieber Kronprinz! Liebe Freundin! Briefwechsel zwischen Bettine von Arnim und Karl von Württemberg, hg. von Ulrike Landfester und Friderike Loos, Heidelberg: Manutius 1998.


    „Die Welt umwälzen – denn darauf läufts hinaus“. Der Briefwechsel zwischen Bettina von Arnim und Friedrich Wilhelm IV., 2 Bände, hg. von Ursula Püschel, Bielefeld: Aisthesis 2001.


    Bettine von Arnim, Hermann von Pückler-Muskau, „Die Leidenschaft ist der Schlüssel zur Welt“. Briefwechsel 1832–1844, hg. von Enid und Bernhard Gajek, Stuttgart: Cotta 2001.


    „In allem einverstanden mit Dir“. Bettine von Arnims Briefwechsel mit ihrem Sohn Friedmund, hg. von Wolfgang Bunzel und Ulrike Landfester, Göttingen: Wallstein 2001.


    Beethoven aus der Sicht seiner Zeitgenossen, hg. von Klaus Martin Kopitz und Rainer Cadenbach unter Mitwirkung von Oliver Korte und Nancy Tanneberger, München: Henle 2009, Band 1, Nr. 13–26 [Bettina von Arnims Erinnerungen an Beethoven].



    Werkausgaben

    Bettina’s sämmtliche Schriften, 10 Bände, Berlin: Arnim 1857.

    Bettina von Arnims Sämtliche Werke, hg. mit Benutzung ungedruckten Materials von Waldemar Oehlke, 7 Bände, Berlin: Propyläen 1920–1922 [Band 4, S. 253–307 enthält die musikalischen Werke, hrsg. von Max Friedlaender].


    Werke und Briefe in vier Bänden, hg. von Walter Schmitz und Sibylle von Steinsdorff, Frankfurt: Klassiker-Verlag 1986–2004.



    Sekundärliteratur (chronologisch):

    Waldemar Oehlke, Bettina von Arnims Briefromane, Berlin: Mayer & Müller 1905.


    Achim von Arnim und Bettina Brentano, hrsg. von Reinhold Steig (= Achim von Arnim und die ihm nahe standen, Band 2), Stuttgart-Berlin: Cotta 1913.


    Oscar Fambach, Eine Brieffälschung der Bettina von Arnim als Nachklang des Beethoven-Jahres, in: Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte, Jg. 45 (1971), S. 773–778.


    Christoph Perels (Hg.), Bettine von Arnim 1785–1859, Ausstellungskatalog, Frankfurt 1985.


    Ann Willison Lemke, Bettines Kompositionen. Zu einem Notenheft der Sammlung Heineman, in: Internationales Jahrbuch der Bettina-von-Arnim-Gesellschaft, Band 3 (1989), S. 193–208.


    Beatrix Borchard, Quartettabend bei Bettine, in: Töne, Farben, Formen. Über Musik und die Bildenden Künste. Festschrift Elmar Budde, hg. von Elisabeth Schmierer, Susanne Fontaine, Werner Grünzweig und Mathias Brzoska, Laaber 1995, S. 243–256.


    Ann Willison Lemke, Bettina Brentano-von Arnim: The Unknown Musician, in: Bettina Brentano-von Arnim: Gender and Politics, hg. von Elke P. Frederiksen, Detroit: Wayne State University Press 1995, S. 304–345.


    Klaus Günzel, Die Brentanos. Eine deutsche Familiengeschichte, 3. Aufl., Düsseldorf-Zürich: Artemis & Winkler 1998.


    Paul-August Koch, Bettine von Arnim, Liedkompositionen, Frankfurt: Zimmermann 1998 [Werkverzeichnis mit Incipits].


    Ann Willison Lemke, Bettine’s Song: The Musical Voice of Bettine Brentano, née Brentano (1785–1859), Diss., Ann Arbor: University Microfilms International 1998.


    Ann Willison Lemke, Bettines Beethoven: Wahrheit und Dichtung, in: Maßstab Beethoven? Komponistinnen im Schatten des Geniekults, hg. von Bettina Brand und Martina Helmig, München: edition text + kritik 2001, S. 145–158.


    Ingeborg Drewitz, Bettine von Arnim „…darum muß man nichts als leben“, 2. Aufl., Berlin: Ullstein 2002.


    Renate Moering, Bettine von Arnims literarische Umsetzung ihres Beethoven-Erlebnisses, in: Der „männliche“ und der „weibliche“ Beethoven. Bericht über den Internationalen musikwissenschaftlichen Kongress vom 31. Oktober bis 4. November 2001 an der Universität der Künste Berlin, hg. von Cornelia Bartsch, Beatrix Borchard und Rainer Cadenbach, Bonn: Beethoven-Haus 2003, S. 251–277.


    Klaus Martin Kopitz, Artikel „Arnim, Bettina von, geb. Brentano“, in: Das Beethoven-Lexikon, hg. von Heinz von Loesch und Claus Raab, Laaber: Laaber 2008, S. 46f.



    CD:

    Bettina von Arnim, Lieder und Texte, Renate Brosch (S), Karl-Friedrich Schäfer (Kl), Salto records 1999.



    Links:

    Website zu Bettina von Arnim, mit ihren Kompositionen inkl. Hörbeispielen:

    http://www.hs-augsburg.de/~harsch/germanica/Chronologie/19Jh/ArminBettina/bet_lied.html

    Forschung

    Bettina von Arnim gehört zu den am besten erforschten Frauengestalten ihrer Zeit, hat es der biographischen Forschung allerdings nicht leicht gemacht, Dichtung und Wahrheit von einander zu trennen. Bedingt durch ihre überbordende Fantasie und ihr großes poetisches Talent, sind die Grenzen häufig fließend. Einzelne Aspekte ihrer Biographie, etwa ihre Begegnungen mit Goethe und Beethoven, werden wohl weiterhin strittig bleiben. Gut erschlossen und erforscht ist auch ihr musikalisches Schaffen.

    Forschungsbedarf

    Wünschenswert wäre eine Gesamtausgabe aller Briefe Bettina von Arnims, inklusive der an sie gerichteten Briefe. Bedauerlicherweise sind noch immer Briefe unveröffentlicht.

    Normdaten

    Virtual International Authority File (VIAF): 7386152
    Deutsche Nationalbibliothek (GND): 118504185
    Library of Congress (LCCN): n50001544
    Wikipedia-Personensuche

    Autor/innen

    Klaus Martin Kopitz

    Übersetzung: David Babcock


    Bearbeitungsstand

    Redaktion: Ellen Freyberg
    Zuerst eingegeben am 19.04.2011
    Zuletzt bearbeitet am 11.08.2014


    Empfohlene Zitierweise

    Klaus Martin Kopitz, Artikel „Bettina von Arnim“, in: MUGI. Musikvermittlung und Genderforschung: Lexikon und multimediale Präsentationen, hg. von Beatrix Borchard und Nina Noeske, Hochschule für Musik und Theater Hamburg, 2003ff. Stand vom 11.8.2014
    URL: http://mugi.hfmt-hamburg.de/Artikel/Bettina_von_Arnim