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  • Alma Stencel

    von Christiane Tewinkel
    Portraitfoto. Detail einer Konzertankündigung (St. James Hall, London, 19. April 1902, s. Materialsammlung), die Alma Stencel am 7. April 1902 an Edvard Grieg sandte.
    Namen:
    Alma Stencel
    Ehename: Alma Weed
    Varianten: Alma Stencil, Alma Stenzel
    Lebensdaten:
    * in Washington, DC, USA
    in Scarsdale, NY, USA

    Geboren am 28. Juni 1887 oder 1888

    Tätigkeitsfelder:
    Pianistin
    Charakterisierender Satz:

    „Dem Sensationserfolge der kleinen Geigerin Stefi Geyer [...] schloß sich gestern der aufsehenerregende Erfolg der 13jährigen Pianistin Alma Stencel aus San Francisco an. Die kleine Amerikanerin hatte schon mit den ersten Tacten Alles für sich erobert. Was sie spielte, ist Nebensache. Ihre Technik ist schon heute geradezu erstaunlich. Ihren stählernen Fingerchen, mit denen sie alle möglichen Kunststücke fertigbringt, entrollen sich die perlendsten Passagen mit der größten Leichtigkeit. Ihr Anschlag ist kräftig und doch auch weich, ihr musikalisches Empfinden gesund. Aus der kleinen Stencel kann eine sehr große werden.“ (Neues Wiener Tagblatt [Tages-Ausgabe], 8. Januar 1901, S. 7)


    Profil

    Alma Stencel wurde von dem kalifornischen Pianisten Hugo Mansfeldt ausgebildet, der im Sommer 1884 zum engeren Kreis der Liszt-Schüler in Weimar gehörte und in diesem Zusammenhang Liszts „Bagatelle sans tonalité“ LW A 337 uraufgeführt hatte. 1898 wird in San Francisco von einem Wohltätigkeitskonzert mit Werken von Wolfgang Amadeus Mozart, Theodor Leschetitzky, Frédéric Chopin und Felix Mendelssohn berichtet, das die damals neunjährige Alma Stencel mit einem anderen jungen Pianisten bestritt (San Francisco Call, 23. März 1898, S. 9). Vermutlich 1902–03 nahm Alma Stencel Unterricht bei Leopold Godowsky in Berlin. Im akademischen Jahr 1904/05 war sie Mitglied der Klavier-Meisterklasse Emil von Sauers am Wiener Konservatorium. In den 1900er Jahren gab Alma Stencel Konzerte in Wien, Budapest, Brünn, London und Riga, zum Teil im Beiprogramm zu Auftritten des Geigers Jan Kubelik. Der Nachruf in der New York Times 1933 berichtet von einer Konzerttätigkeit in Europa, die bis 1914 andauerte, überdies von Auftritten vor Zar Nikolaus II (New York Times, 25. Juli 1933, S. 19). Nach der Rückkehr in die Vereinigten Staaten 1901 trat Alma Stencel in ihrem Heimatort Scarsdale auf und engagierte sich in besonderer Weise für die musikalischen Veranstaltungen und Kurse des Scarsdale Women’s Club.

    Orte und Länder

    Alma Stencel wurde als Tochter deutsch-russischer Eltern in Washington, DC geboren und begann dort mit ihrer musikalischen Ausbildung. Um 1900 ist als Wohnort der Familie San Francisco nachweisbar. Zwischen 1900 und 1910 lebte Alma Stencel in Europa und studierte und konzertierte in den europäischen Metropolen. Im Herbst 1910 kehrt sie in die USA zurück, wo sie sich in Westchester County, NY, niederließ.

    Biografie

    Alma Stencel wurde am 28. Juni 1887 oder 1888 als Tochter von Martha und Sigmund Stencel in Washington, DC geboren. Ende der 1890er Jahre kam die damals Zehnjährige zu Hugo Mansfeldt in den Unterricht. Zu dieser Zeit hatte sie bereits zwei Jahre lang Klavierunterricht bei einer Mrs. Fabian erhalten, der Mutter von Samuel Monroe Fabian, der 1883 ebenfalls Liszts Klavierklassen in Weimar besucht hatte. Mit zwölf Jahren verfügte Alma Stencel, so berichtet es Mansfeldt in seinen Lebenserinnerungen, über ein Repertoire von einem Dutzend Stücken und trat in einem öffentlichen Konzert mit regulärem Kartenverkauf auf. Im Frühsommer 1900 reiste sie gemeinsam mit ihrer Familie nach Europa. Bei Zwischenhalten an der amerikanischen Ostküste gelang es, mehrere Musikförderer und Mäzene für sie zu finden, unter ihnen die New Yorker Philanthropin Florence Clinton Sutro. Sie hatte das Mädchen beim Klavierspielen in der Lobby des Mohonk Mountain House nördlich von New York City gehört und sich bei anderen wohlhabenden Hotelgästen für sie eingesetzt, dergestalt, dass ein von Alma Stencel gegebenes Hauskonzert „brought in the enormous sum, for such an affair, of eight hundred odd dollars, which was raised before morning by wealthy guests to $1,000“ („die für solcherart Veranstaltungen enorme Summe von achthundert Dollar einbrachte, die wohlhabende Gäste auf eintausend Dollar aufrundeten“; New York Times, 4. August 1901). Überdies verpflichteten sich drei zu diesem Zeitpunkt im Haus logierende Gäste, darunter der Zahnarzt Israel Whitney Lyon, ein monatliches Stipendium für Alma Stencels musikalische Studien in Europa zur Verfügung zu stellen. Auch auf der transatlatischen Überfahrt, so berichtet Mansfeldt, gab sie Konzerte.


    Die Familie Stencel nahm zunächst Station in Wien. Alma Stencel wurde bei Theodor Leschetizky vorstellig, der sie jedoch nicht persönlich in Obhut nahm, sondern stattdessen an eine seiner Assistentinnen weiterleitete. Nachdem sie einige Unterrichtsstunden genommen hatte, wurde Alexander Rosé, der Wiener Manager des Geigers Jan Kubelik, auf die junge Pianistin aufmerksam und engagierte sie als zusätzliche Attraktion für Kubeliks Auftritte. Das erste gemeinsame Wiener Konzert, zu dem noch weitere Mitwirkende traten, darunter das „Orchester des Wiener Concert-Vereines“ unter Carl Komzák, fand am 7. Januar im großen Musikvereinssaal statt. Alma Stencel spielte das Scherzo aus dem vierten „Concerto symphonique“ von Henry Litolff, Schubert-Liszts „Horch, horch, die Lerche“, Robert Schumanns Nachtstück op. 23 und einen Walzer von Frédéric Chopin. Der Abend geriet offenbar zu einem Erfolg für die Pianistin; die „Oakland Tribune“ vom 8. April 1901 berichtet über einen Korrespondenten, der am 15. März aus Berlin schrieb, dass „[b]y the time she had played a number of solos the universal verdict was that in the whole musical history of Vienna no such playing had ever been heard from a child of her age“ („nachdem sie einige Solostücke gespielt hatte, das allgemeine Urteil war, dass ein solches Spiel von einem Kind ihren Alters in der langen Musik-Geschichte Wiens niemals zu vernehmen gewesen war.“; S. 5) Am 18. Januar fand als Abschiedskonzert Jan Kubeliks im selben Saal ein weiteres Konzert statt, nun mit kammermusikalischen Werken, indessen abermals mit zusätzlichen Mitwirkenden, bei dem Alma Stencel mit Ludwig van Beethovens „Wut über den verlorenen Groschen“ op. 129, Liszts „Le Rossignol, Romance de Alexandr Alabieff“ sowie der Etüde op. 10 Nr. 12 von Frédéric Chopin zu hören war. Anschließend gastierte sie gemeinsam mit Jan Kubelik in Budapest in einem Wohltätigkeitskonzert mit dem dortigen Philharmonischen Orchester unter Raoul Mader. Am 18. Januar traten die beiden abermals gemeinsam in Wien auf (vgl. Neues Wiener Tagblatt [Tages-Ausgabe], 19. Januar 1901, S. 9).


    Im Frühjahr 1901 siedelte die Familie von Wien nach Berlin über, wo Alma Stencel von ihrem inzwischen angereisten amerikanischen Lehrer Mansfeldt unterrichtet wurde. Sie erhielt zu dieser Zeit zwar immer noch die monatliche Förderung aus den USA, doch hatte sich, wie Mansfeldt berichtet, vor dem Hintergrund des verfrühten Abschieds aus Wien, allein der Zahnarzt Lyon bereit erklärt, die Zahlungen aufrechtzuerhalten. Erst einige Monate später, auf eine Intervention Lyons hin, begannen auch die beiden anderen Parteien wieder mit ihren Zahlungen. Mansfeldt blieb bis Anfang Juli in Berlin und ging dann für mehrere Wochen auf Reisen, kehrte jedoch etwa Mitte August zurück und nahm den Klavierunterricht für Alma Stencel noch einmal auf. Nachdem er Ende Oktober 1901 zurück in die USA reiste, blieb seine Frau Else Mansfeldt an der Seite der jungen Schülerin „to supervise Alma Stencel’s repertoire“ („um Alma Stencels Repertoire im Auge zu behalten“; San Francisco Call, 17. November 190l, S. 23).

    Am 5. Mai 1901 hatte diese aus Berlin eine Postkarte an Edvard Grieg geschrieben, in der sie von einer anstehenden „tour of Europe“ und einem für den 1. November geplanten Auftritt mit den Berliner Philharmonikern berichtete. Tatsächlich sind für den Herbst des Jahres zwei Konzerte in Berlin nachzuweisen, eines am 26. Oktober 1901 gemeinsam mit den Berliner Philharmonikern unter Josef Rebicek (mit dem Klavierkonzert Nr. 1 e-moll von Emil von Sauer und Franz Liszts Klavierkonzert Es-Dur sowie mit weiteren Solo-Klavierwerken von Frédéric Chopin, Franz Liszt, Liszt–Mansfeldt, Schubert–Liszt und Robert Schumann) sowie ein selbständiger Klavierabend am 8. November. Die Reaktionen in der deutschen und amerikanischen Presse waren gemischt. Während die Zeitung „San Francisco Call“ vom 27. Oktober 1901 in Bezug auf eine Kabelnachricht aus Berlin zusammenfasste, dass Alma Stencel bei ihrem ersten Konzert „highly successful“ („überaus erfolgreich“) gewesen sei (S. 20) und auch die „Neue Zeitschrift für Musik“ vom 13. November 1901 sie „ein entschiedenes Klaviertalent“ nannte (S. 558), problematisierte die „Berliner Börsenzeitung“ am 27. Oktober 1901 die Ausbildung der jungen Künstlerin explizit: „[F]ür das, was ihr in dem gestrigen Programm zugemuthet worden ist, fehlen ihr durchaus die physischen wie die geistigen Kräfte. Sie hat all das gelernt, was ein begabtes Kind bei tüchtigem Drill erlernen kann: aber der Drill wollte noch mehr aus ihr herausholen, oder in sie hineinbringen, als möglich war. Das arme Kind soll einen großen Ton aus dem Flügel ziehen, es soll Kraft, verblüffend wirkende Kraft entfalten – da kommt es denn natürlich zu krampfhaften Anstrengungen, zu ungesunden, klangarmen Tastendrücken und Tastenschlagen. Die Wahl des Programms sprach schon dafür, daß es sich hier nur um ein wirkliches Wunder, oder um einen argen Mißgriff des Lehrers handeln könnte: es ist kein Wunder geschehen, Alma Stencel hat die sentimentalen Stücke des Programms ohne besonderes Verständnis, ohne Empfindung, sie hat Liszts Es-dur-Concert ohne jegliche Kraft gespielt. Bleibt nur ein arger Mißgriff des Lehrers.“ (S. 6)

    Gleichwohl ließ sich Alma Stencel nicht entmutigen. Für den 19. April 1902 ist ein Klavierabend in der St. James’s Hall in London zu nachzuweisen, abermals mit Ludwig van Beethovens op. 129, Mansfeldtschen Bearbeitungen von Suitensätzen Johann Sebastian Bachs, Edvard Griegs Sonate op. 7 und verschiedenen Stücken von Frédéric Chopin, Franz Liszt, Robert Schumann und Franz Schubert, und im November des Jahres spielte sie bei einem semi-öffentlichen Konzert im Hause des amerikanischen Botschafters Andrew D. White in Berlin (Indiana tribune, 24. November 1902, S. 3). Nachdem sie vorübergehend ihren Wohnsitz in London und 1902–03 Unterricht bei Leopold Godowsky in Berlin genommen hatte, trat Alma Stencel Anfang 1904 abermals in Wien auf, wieder gemeinsam mit Jan Kubelik. Bei dem ersten Konzert am 7. Januar wirkte auch das Orchester des Wiener Concert-Vereines unter Theobald Kretschmann mit. Alma Stencel spielte Werke von Felix Mendelssohn Bartholdy und Johannes Brahms, Frédéric Chopin und Franz Liszt. Am 13. Januar 1904 folgte im selben Saal das kleiner angelegte „Abschieds-Concert“ von Jan Kubelik, bei dem Alma Stencel Musik von Bach, einen Walzer von Chopin, Mendelssohn-Liszts „Auf Flügeln des Gesanges“ sowie Liszts dreizehnte Ungarische Rhapsodie spielte. An diese Wiener Konzerte schlossen sich abermals auswärtige Auftritte mit Jan Kubelik an (San Francisco Call, 24. Januar 1904, S. 19), darunter ein Konzert in Riga.


    Im September des Jahres 1904 schrieb sich Alma Stencel für die Klavier-Meisterschule bei Emil von Sauer am Wiener Konservatorium ein. Die Fortdauer der Immatrikulation nach Ablauf des akademischen Jahres im Sommer 1905 ist ebensowenig zu belegen wie Alma Stencels Wohnsitz ab Sommer 1905. Am 4. und 22. Januar 1906 sind wieder Auftritte nachzuweisen; an diesen Tagen spielte Alma Stencel abermals in Berlin, noch einmal gemeinsam mit den Berliner Philharmonikern unter August Scharrer. Die Berliner Rezensenten reagierten nun spürbar verhalten, das „Berliner Tageblatt“ schrieb: „Ueber die Pianistin Alma Stencel möchte ich am liebsten schweigen. Sie ist fast noch ein Kind und ein irregeleitetes Talent. Wie sie sich an Beethovens C-moll-Konzert vergriff, das sie technisch nicht beherrschte und doch bereits mit affektierten Nuancen verunzierte, dafür müßte von Rechts wegen ihr Lehrer zur Verantwortung gezogen werden. Bei einer Entgleisung hatte man Gelegenheit, die Routine und unerschütterliche Ruhe unserer Philharmoniker zu bewundern, die Kapellmeister Scharrer, mit Geistesgegenwart helfend, ohne Störung weiterführte.“ (Berliner Tageblatt, 5. Januar 1906, S. 1) Überdies trat Alma Stencel am 16. Februar 1906 in Leipzig auf, in einem Konzert mit dem spanischen Geiger Joan Manén, mit dem sie auch im November 1909 noch einmal in Berlin zu hören war. Am 30. Januar gab sie, inzwischen als „New York pianist“ deklariert, einen Klavierabend in der Londoner Steinway Hall (New York Times, 31. Januar 1907), der offenbar ebenfalls auf zurückhaltende Reaktionen traf. Die Rezension in den „London Daily News“ hebt mit folgenden Sätzen an: „ The playing of Miss Alma Stenzel, a pianist who gave a recital in the Steinway Hall last night, is of that kind that is best described as brilliant, and is, up to a certain point, quite satisfactory. She has a polished and flexible execution, but everything is clear-cut, and the tone is rather unyielding, so that she was best suited in things like Beethoven’s Rondo in G major and Polonaise in C major, which were given with neatness and precision.“; „Das Spiel von Miss Alma Stenzel, einer Pianistin, die gestern Abend in der Steinway Hall einen Klavierabend gab, ist von jener Art, die man am besten ‚brillant’ nennt, und ist bis zu einem gewissen Grad ziemlich zufriedenstellend. Ihre Ausführung ist poliert und flexibel, aber alles ist überklar, und der Anschlag eher unnachgiebig, sodass die für sie besten Stücke Kompositionen wie Beethovens Rondo in G Dur und die Polonaise in C Dur waren, die sie ordentlich und präzise spielte.“; 31. Januar 1907, S. 31). Im Juni des Jahres spielte „Miss Alma Stenzel“ bei einer Veranstaltung der Oxford Ladies’ Musical Society Ludwig van Beethovens Sonate op. 31 Nr. 2 (vgl. The Oxford Magazine, 19. Juni 1907, S. 427).


    Im Spätsommer 1910 kehrte Alma Stencel wieder in ihr Heimatland zurück, möglicherweise, um dort wieder ansässig zu werden. Im Oktober 1910 spielte sie noch einmal in Mohonk Mountain House, der Stätte ihres ersten großen Erfolges. The „Kingston Daily Freeman“ berichtet am 6. Oktober 1910 (S. 10) von einem Konzert, das sie in der Halle des Hotels gegeben habe: „It is interesting to note that Miss Stenzel is the talented young lady, who while a mere girl, about ten years ago delighted the guests of the Lake Mohonk House by her playing that they raised a large sum of money to enable her to pursue a thorough musical education in Berlin, from which city she has just returned.“; „Es ist interessant zu wissen, dass Miss Stenzel jene talentierte junge Dame ist, die als junges Mädchen vor etwa zehn Jahren die Gäste von Lake Mohonk House dermaßen entzückte, dass sie eine große Summe Geldes aufbrachten, um ihr weitere musikalische Studien in Berlin zu ermöglichen, von wo sie eben zurückgekehrt ist.“ Anlässlich eines Vorberichtes zu einem gemeinsamen Konzert mit einem Motettenchor im März 1911 in Washington, bei dem Alma Stencel vier Etüden von Frédéric Chopin sowie Camille Saint-Saëns’ „Caprice sur des air de ballet d’Alceste de Gluck“ spielte und einen der Strauss–Tausigschen „Valses Caprices“, schrieb die „Washington Times“ am 27. Februar 1911 (S. 3): „The young pianiste returned last September from a ten-year sojourn abroad, where she was sent as a gifted child pianiste when twelve years old. She has played with many of the leading orchestras of Europe, was associated with Kubelik, the violinist, on a tour through Germany and Russia, and has played before Queen Alexandra. She has strong credentials from the press of London, Berlin, Vienna, and St. Petersburg.“ („Die junge Dame ist im letzten September von einem zehnjährigen Auslandsaufenthalt zurückgekehrt, auf den sie sich als junges Klaviertalent von zwölf Jahren begeben hatte. Sie hat mit vielen führenden europäischen Orchestern gespielt, ging gemeinsam mit Kubelik, dem Geiger, auf Konzertreise durch Deutschland und Russland, und hat vor Königin Alexandra gespielt. Sie hat in London, Berlin, Wien und St. Petersburg hervorragende Kritiken bekommen.“) Wenige Tage später spielte Alma Stencel gemeinsam mit anderen Musikerinnen und Musikern bei einer Abendveranstaltung im Weißen Haus vor dem Präsidenten William Howard Taft (vgl. The Washington Herald, 25. März 1911, S. 5). Offenbar, dies berichtet zumindest Hugo Mansfeldt in seinen Lebenserinnerungen, trat Alma Stencel noch 1912 in Russland auf. Der Nachruf in der „New York Times“ berichtete von einer Konzerttätigkeit in Europa, die bis 1914 andauerte, überdies von Auftritten vor dem Zaren Nikolaus II. Gleichwohl weisen andere Berichte auf eine endgültige Rückkehr in die Vereinigten Staaten bereits im Herbst 1910 hin.


    Wo und wie Alma Stencel die Jahre 1912–1924 verbrachte, ist gegenwärtig kaum festzustellen. Sie heiratete den Geologen Walter Harvey Weed, seinerseits geschieden von der Suffragette Helena Hill; Hugo Mansfeldt berichtet in seinen Lebenserinnerungen dass seine ehemalige Schülerin vielfältige Reisen mit ihrem Ehemann unternahm. 1919 Alma Stencel eine Tochter Alma oder Almita sowie 1926 eine Tochter Suzette zur Welt, Suzette starb jedoch mit zwei Monaten. Nach 1924 gab Alma Stencel zahlreiche Konzerte als Solistin, Lied- und Kammermusikbegleiterin in ihrem Heimatort Scarsdale und engagierte sich in besonderer Weise in der „Music Section“ des „Scarsdale Women’s Club“ (s. dazu die entsprechende Berichterstattung im „Scarsdale Inquirer“ 1924–1933).


    Würdigung

    Alma Stencel war außergewöhnlich begabt. Während das Engagement ihrer Mutter Martha Stencel zweifellos einen starken Motor für ihren Weg in die professionelle Laufbahn bedeutete, verdankten sich zumal die Erfolge der frühen Jahre offenbar auch Alma Stencels Selbstsicherheit und ihrer guten physischen und psychischen Konstitution. Nach der Rückkehr in die USA engagierte sie sich langfristig als Solopianistin und Kammermusikpartnerin im Musikleben ihrer Heimatstadt Scarsdale und stellte ihre Expertise und ihre bestehenden musikalischen Netzwerke in den Dienst des dortigen „Women’s Club“, einer semi-öffentlichen Institution der Frauenbildung.

    Rezeption

    Offenbar fiel Alma Stencel am Klavier durch einen klaren, starken Anschlag auf, wobei zu bedenken bleibt, dass bei dem Bezug der Rezensenten auf ihre „stählernen Fingerchen“ und ihrem Sprechen von einem „rather unyielding“ („eher unnachgiebigen“) Ton auch stereotype Erwartungen an das Spiel einer jungen Frau eine Rolle gespielt haben könnten. Zu beobachten ist unterdessen, dass sich die Wertschätzung von Alma Stencels pianistischer Leistung im Laufe der Jahre wandelte. Dies mag einerseits mit dem Entwachsen aus dem Status des „Wunderkinds“ zu tun haben, könnte aber auch darauf zurückzuführen sein, dass die Lehrerwechsel und die langen Reisen einen tatsächlich ungünstigen Einfluss auf das Niveau ihrer pianistischen Fähigkeiten hatten. Weitere Gründe für die eher reservierten Reaktionen liegen vermutlich in ihrem recht engen Repertoirespektrum, überdies darin, dass die amerikanische Herkunft die Wahrnehmung durch das europäische Publikum auf zeittypische Weise negativ prägte.

    Repertoire

    Zu einem der längsten Zeitungstexte, die über Alma Stencels Werdegang entstanden (The Musical Courier, Vol. XLIII No. 11, 11. September 1901, S. 15), gehört ein „specimen program“ mit Werken, die Alma Stencel bei insgesamt elf Konzerten im Frühjahr 1900 in den USA spielte, kurz vor der Abreise nach Europa. Hier ist genannt Ludwig van Beethovens op. 29 („Wut über den verlorenen Groschen“); Edvard Griegs Sonate op. 7, Peter Tschaikowskys „Schneeglöckchen“; Frédéric Chopins Etüden op. 10,5 und 10,12 sowie 25,9, den Walzer op. 70, 1 und den Walzer e-Moll op. posth. sowie die Mazurka op. 7,1; Emil Sauers „Galop de Concert“; Robert Schumanns Nocturne op. 23; Franz Liszts 5. Ungarische Rhapsodie sowie sein „Venezia e Napoli, Tarantelle e Canzona“. Überdies gehören zu dieser Liste Schubert-Liszts „Horch, horch, die Lerche“ und (Alexander) Alabieff-Liszts „Die Nachtigall“.

    Quellen

    Unpublizierte Quellen


    New Paltz, NY, Archiv des Mohonk Mountain House, Daten zu ihrem Hotelaufenthalt im Sommer 1900 sowie Fotografie Alma Stencels (1910)


    Bergen, Offentlige Bibliotek [Bergen Public Library], Postkarte (1901) und Brief (1902) Alma Stencels an Edvard Grieg


    Berkeley, Jean Hargrove Music Library, University of California, Nachlass Hugo Mansfeldt

    Wien, Archiv der Gesellschaft der Musikfreunde, Konservatoriumsakten und Gesellschaftsakten


    Literatur

    Tewinkel, Christiane (ed.), A Californian Liszt Legacy. The Pianist Hugo Mansfeldt and His Pupils Alma Stencel and Else Cellarius, Sinzig: Studioverlag 2016. Verlagsseite: http://www.studiopunktverlag.de/9783895641770.php


    Quellen im World Wide Web/Zeitungen und Zeitschriften


    Ancestry. Genealogy, Family Trees and Family History Records: ancestry.com (Stand 15. März 2016)

    Bergen Offentlige Bibliotek [Bergen Public Library]: bergen.folkebibl.no (Stand 15. März 2016)

    California Digital Newspaper Collection: cdnc.ucr.edu (Stand: 15. März 2016)

    Chronicling America. Historic American Newspapers: chroniclingamerica.loc.gov (Stand: 15. März 2016)

    „Scarsdale Inquirer“ 1924–1933, über Historical Newspapers, http://news.hrvh.org/ (Stand: 15. März 2016)

    The European Library: http://theeuropeanlibrary.org (Stand: 15. März 2016)

    Forschung

    Die einzige derzeit vorliegende Arbeit zu Alma Stencel ist die kommentierte Edition der Lebensberichte ihres Klavierlehrers Hugo Mansfeldt (Tewinkel, Christiane (ed.), A Californian Liszt Legacy. The Pianist Hugo Mansfeldt and His Pupils Alma Stencel and Else Cellarius, Sinzig: Studioverlag 2016). Mansfeldt hat ausführlich über den Werdegang Alma Stencel geschrieben und dabei vor allem ihre Zeit als seine Klavierschülerin sowie den gemeinsamen Sommer 1901 in Berlin in den Blick genommen. Die wissenschaftliche Edition ergänzt diesen Bericht um Details aus zeitgenössischen Quellen und widmet sich dabei insbesondere den Jahren nach 1901.

    Forschungsbedarf

    Für die Rekonstruktion von Alma Stencels Werdegang sind neben den nicht in allen Details zuverlässigen Lebenserinnerungen Hugo Mansfeldt zeitgenössische Zeitungsberichte essentiell. Trotz der Vielzahl an entsprechenden Quellen und Berichten sind freilich einige Jahre nicht abgedeckt. So liegen zum gegenwärtigen Zeitpunkt zu den Jahren 1905–1910 sowie den Jahren 1912–1924 nur vereinzelte Quellen vor, aus denen sich nicht mit Bestimmtheit rückschließen lässt, wie und wo Alma Stencel lebte und arbeitete.

    Autor/innen

    Christiane Tewinkel


    Bearbeitungsstand

    Redaktion: Silke Wenzel
    Zuerst eingegeben am 19.10.2016


    Empfohlene Zitierweise

    Christiane Tewinkel, Artikel „Alma Stencel“, in: MUGI. Musikvermittlung und Genderforschung: Lexikon und multimediale Präsentationen, hg. von Beatrix Borchard, Hochschule für Musik und Theater Hamburg, 2003ff. Stand vom 19.10.2016.
    URL: http://mugi.hfmt-hamburg.de/Artikel/Alma_Stencel