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  • Adele aus der Ohe

    von Silke Wenzel
    Namen:
    Adele aus der Ohe
    Lebensdaten:
    * in Hannover, Deutschland
    in Berlin, Deutschland
    Tätigkeitsfelder:
    Pianistin, Solistin, Komponistin, Klavierpädagogin
    Charakterisierender Satz:

    „Mein Klavierkonzert in der ausgezeichneten Darbietung durch Adele aus der Ohe verlief großartig. Eine Begeisterung war da, die es selbst in Russland niemals hervorzurufen vermochte. Man rief mich immer wieder heraus, schrie 'upwards' und winkte mit Tüchern“.

    (Piotr I. Tschaikowsky: Tagebucheintrag vom 9. Mai 1891, Tschaikowski [1992], S. 347)


    Profil

    Adele aus der Ohe trat im Alter von 10 Jahren öffentlich in einem Berliner Orchesterkonzert als Solistin auf. Bereits zwei Jahre später kam sie als Schülerin zu Franz Liszt nach Weimar und wurde über sieben Jahre, zwischen 1877 und 1884, von ihm unterrichtet. Nachdem sie während ihres Studiums mehrere Konzertreisen durch Deutschland und angrenzende Länder unternommen hatte, debütierte sie im Dezember 1886 überaus erfolgreich in der New Yorker Steinway Hall mit Franz Liszts Klavierkonzert Es-Dur und begann damit eine parallele Karriere in den USA. Einer der Höhepunkte ihres Erfolges war die Interpretation des Klavierkonzertes b-Moll von Piotr I. Tschaikowsky unter der Leitung des Komponisten anlässlich der Eröffnung der New Yorker Carnegie Hall 1891. Bis 1906 verbrachte Adele aus der Ohe jeweils die Winter-Saison in New York, trat dabei in mehreren Orchesterkonzerten auf, u. a. in der Musical Society New York, und gab eigene Klavierabende.

    Von 1895 an bis 1906 erschienen zudem zahlreiche Kompositionen von Adele aus der Ohe im New Yorker Musikverlag G. Schirmer, darunter hauptsächlich Klaviermusik sowie Lieder für Singstimme und Klavier. Ein kleiner Teil ihrer Werke wurde auch von Ries & Erler in Berlin verlegt. Aufführungen ihrer Kompositionen lassen sich jedoch nur vereinzelt nachweisen.

    Im Jahr 1906 – nach dem Tod ihrer Schwester Mathilde aus der Ohe, die sie auf allen Konzertreisen begleitet hatte – ließ sich Adele aus der Ohe in Berlin nieder und zog sich weitgehend aus dem öffentlichen Musikleben zurück. Sie konzertierte nur noch selten in Europa, unterrichtete jeweils zwei Schülerinnen bzw. Schüler und komponierte weiterhin, auch wenn ihre Kompositionen nicht mehr verlegt wurden.

    Die Popularität von Adele aus der Ohe in den USA hielt bis zu ihrem Tod an; in den letzten Lebensjahren übernahm die New Yorker „Bagby Music Lovers Foundation“ ihre Rente.

    Orte und Länder

    Adele aus der Ohe wurde in Hannover geboren. Bereits als Kind kam sie nach Berlin und wurde dort an der „Neuen Academie der Tonkunst“ von Franz und Theodor Kullak in Klavier unterrichtet. Von 1877 bis 1884 setzte sie ihr Studium bei Franz Liszt in Weimar fort. Es folgten zahlreiche Konzertreisen durch Europa und die USA, wo Adele aus der Ohe zwischen 1886 und 1906 jeweils die Winter-Saison verbrachte und wo sie vermutlich auch teilweise lebte. Ihr Wohnsitz in Deutschland in dieser Zeit ist nicht bekannt. Nach 1906 bis zu ihrem Tod 1937 lebte Adele aus der Ohe in Berlin.

    Biografie

    Adele aus der Ohe wurde am 11. Dezember 1864 in Hannover geboren. Über ihre Herkunft und ihre Eltern ist bislang nichts Näheres bekannt. Von 1872 bis 1876 erhielt sie Klavierunterricht bei Franz und Theodor Kullak an der „Neuen Academie der Tonkunst“ in Berlin und trat bereits drei Jahre später in einem Berliner Orchesterkonzert an die Öffentlichkeit (vgl. „Neue Zeitschrift für Musik“ 1874, S. 106f.). Die Liszt-Schülerin Amy Fay, die in Form von Briefen aus Deutschland in ihre Heimat USA berichtete, schrieb darüber: „Er [Franz Kullak] hat eine kleine reizende Schülerin, 10 Jahre alt, Adele aus der Ohe [...], und es ist erstaunlich, dieses Kind zu hören. Sie spielte mit Orchesterbegleitung ein Beethovensches Konzert mit eingelegter großer Kadenz von Moscheles, fast vollendet. Sie verfehlte keine Note, und ich glaube, sie wird einst eine große Künstlerin werden.“(Fay [1996], S. 125) Von 1877 bis 1884 setzte Adele aus der Ohe ihr Studium bei Franz Liszt in Weimar fort. Leider ist weder bekannt, wie der Kontakt zu Franz Liszt zustande kam, noch wie das Studium selbst verlief. Auch in seinen Briefen finden sich bislang keinerlei Hinweise auf Adele aus der Ohe.


    Bereits während ihres Studiums und in den ersten Jahren danach konzertierte Adele aus der Ohe in Deutschland und in mehreren europäischen Großstädten. In der Wintersaison 1886/1887 unternahm sie erstmals eine Konzertreise durch die USA und trat dabei sowohl als Solistin in Orchesterkonzerten als auch mit eigenen Klavierabenden an die Öffentlichkeit. Bereits mit ihrem ersten Auftritt am 23. Dezember 1886 bei einem von Anton Seidl veranstalteten Konzert in der New Yorker Steinway Hall begeisterte sie Publikum und Presse mit ihrem Spiel von Franz Liszts Klavierkonzert Es-Dur. „The New York Times” schrieb über das Debüt: „The pianist [...] was quite unknown to an American audience, and her début claims a few words of comment. Fräulein Adele Aus der Ohe is one of the few pupils of Liszt that are really entitled to the distinction the name confers. Fräulein Aus der Ohe [...] produced a vivid and profound impression by execution in which tremendous physical strength was allied to considerable sensibility and intelligence, to a fine technique, and to a breadth and freedom of style totally at variance with her youthful appearance. [...] She is of the stuff of which great artists are made, though some years may be required to bring her excellences to ripeness.“ („Die Pianistin [...] war dem amerikanischen Publikum bislang kaum bekannt und ihr Debüt erfordert ein paar erläuternde Worte. Fräulein Adele Aus der Ohe ist eine der wenigen Schülerinnen von Liszt, der zu Recht die Ehre verliehen wird, die mit dem Namen verbunden ist. Fräulein Aus der Ohe [...] hinterließ einen lebendigen und tiefen Eindruck mit ihrem Spiel, in dem enorme physische Kraft verbunden war mit bemerkenswerter Empfindsamkeit und Intelligenz, mit einer ausgezeichneten Technik und mit einer stilistischen Breite und Freiheit, die im völligen Widerspruch zu ihrer jugendlichen Erscheinung stand. [...] Sie ist aus jenem Stoff, aus dem große Künstler gemacht werden, auch wenn es noch einiger Jahre bedarf, bis ihre Fähigkeiten ausgereift sein werden.“; „The New York Times“ 1886, S. 5) Auch der New York-Korrespondent der Londoner „Musical Times“ berichtete über den Auftritt der Pianistin: „Fräulein Aus der Ohe, a young German, put herself into the front rank of piano players, with an astonishingly vigorous and brilliant performance of Liszt's E flat Concerto and E major Polonaise.” („Fräulein Aus der Ohe, eine junge Deutsche, brachte sich selbst in die erste Riege unter den Pianisten, mit einer erstaunlich kraftvollen und brillanten Interpretation von Liszts Es-Dur-Konzert und seiner Polonaise E-Dur.“; „The Musical Times“ 1887, S. 99). Weitere New Yorker Auftritte in der selben Saison folgten: Am 8. Januar 1887 spielte Adele aus der Ohe im zweiten Konzert der „Symphony Society“ Frédéric Chopins Klavierkonzert e-Moll op. 11 und konzertierte zum Abschluss der Saison im April 1887 im letzten Konzert der Philharmonic Society mit Carl Maria von Webers „Konzertstück“ f-Moll op. 79 (vgl. „The New York Times“ vom 8. April 1887, S. 4). Am 14. März 1887 gab Adele aus der Ohe zudem ein eigenes Konzert in der New Yorker Steinway Hall, bei dem sie u. a. mit Robert Schumanns „Carnaval“ op. 9, zwei Nocturnes und dem Walzer cis-Moll von Frédéric Chopin sowie mit mehreren Werken von Franz Liszt auftrat (vgl. „The New York Times“ vom 15. März 1887, S. 5).

    Ihr großer Erfolg in den USA hielt über 17 Jahre an. Bis 1906 verbrachte sie dort jeweils die Winter-Saison und trat dabei in der Regel im Dezember jeden Jahres in der New Yorker Philharmonic Society als Solistin auf, gab mindestens einen eigenen Klavierabend in der Steinway Hall und konzertierte zudem bei verschiedenen Festivals, z. B. dem Worcester Music Festival. Sie spielte unter Dirigenten wie Walter Damrosch und Anton Seidl, trat 1898 mit dem Klavierkonzert B-Dur op. 83 von Johannes Brahms in der New Yorker Philharmonic Society auf, spielte 1889 beim Worcester Music Festival Ludwig van Beethovens Klavierkonzert Es-Dur op. 73 und beim gleichen Festival 1898 Robert Schumanns Klavierkonzert a-Moll op. 54.


    Ein Höhepunkt ihrer Karriere in den USA war die Teilnahme an den Feierlichkeiten zur Eröffnung der New Yorker Carnegie Hall im Mai 1891, bei dem sie als Solistin für das Klavierkonzert b-Moll von Piotr I. Tschaikowsky verpflichtet wurde – unter der Leitung des Komponisten selbst. Piotr I. Tschaikowsky berichtete in seinem Tagebuch ausführlich über das Ereignis und das gesellschaftliche Umfeld, in dem es stattfand (vgl. Tschaikowski [1992]. Tagebuch-Einträge vom Mai 1891). Demnach spielten sich die sozialen Kontakte der Feierlichkeiten im Wesentlichen im Haus des Verlegers Rudolf Schirmer ab, zu dessen engerem Kreis auch Adele aus der Ohe gehörte. Am 3. Mai 1891 schrieb Tschaikowsky über eine Gesellschaft im Haus Schirmers in sein Tagebuch: „Wieder nach unten gekommen, trafen wir nur einen intimen Kreis an, in dem ich mich völlig unerwarteterweise sehr wohl fühlte. A. aus der Ohe bot einen ausgezeichneten Vortrag einiger Stücke und spielte dann, von mir begleitet, mein Konzert. Gegen neun Uhr begaben wir uns zum Abendessen. Um 10.30 Uhr beschenkte man uns, d. h. mich, von Sachs und aus der Ohe samt Schwester mit großartigen Rosen, brachte uns mit dem Fahrstuhl hinunter, setzte uns wieder in Schirmers Kutsche und fuhr uns nach Hause.“ (Tschaikowski [1992], S. 341) Das Konzert war ein großer Erfolg: „Mein Klavierkonzert in der ausgezeichneten Darbietung durch Adele aus der Ohe verlief großartig. Eine Begeisterung war da, die es selbst in Russland niemals hervorzurufen vermochte. Man rief mich immer wieder heraus, schrie 'upwards' und winkte mit Tüchern“ (Tagebucheintrag vom 9. Mai 1891, Tschaikowski [1992], S. 347). Eine kleine Tournee schloss sich den Eröffnungsfeierlichkeiten an, bei der Adele aus der Ohe Tschaikowskys Klavierkonzert unter seiner Leitung am 15. Mai 1891 in Baltimore und am 18. Mai 1891 in Philadelphia spielte (Tschaikowski [1992], S. 356 und S. 360).


    Im Jahr 1906 zog sich Adele aus der Ohe aus dem us-amerikanischen Musikleben zurück, nachdem ihre Schwester Mathilde aus der Ohe, die sie auf allen Konzertreisen begleitet und unterstützt hatte, im August 1906 in den USA an einer Lungenentzündung gestorben war. Adele aus der Ohe kehrte nach Deutschland zurück und ließ sich in Berlin nieder.


    Neben ihrer Karriere in den USA war Adele aus der Ohe auch im europäischen Musikleben, besonders in England und Deutschland, als Pianistin und Komponistin präsent. In England trat sie erstmals im November 1896 in den „Henschel Concerts“ in der St. James's Hall unter der Leitung von George Henschel auf. Wie das amerikanische, war auch das englische Publikum von der Pianistin begeistert. Die Musical Times rezensierte: „a pianist new to England, Miss Adele aus der Ohe, created a highly favourable impression in Liszt's E flat Concerto. Technique and expression are happily mated in her playing; the former is brilliant enough to satisfy the most exacting demand, and her touch, phrasing, and feeling were highly artistic. She was enthusiastically received.“ („eine in England neue Pianistin, Miss Adele aus der Ohe, hinterließ einen besonders günstigen Eindruck in Liszts Es-Dur-Konzert. Technik und Ausdruck griffen auf eine glückliche Weise ineinander; sie ist brillant genug, um das kleinste abgeforderte Detail umzusetzen und ihr Anschlag, ihre Phrasierung und ihr Gefühl sind in höchstem Maße künstlerisch. Sie wurde begeistert empfangen.“; „The Musical Times“ vom 1. Dezember 1896, S. 808) Wenige Monate später konzertierte Adele aus der Ohe in der Londoner Philharmonic Society mit einem besonderen Programm: Das Konzert umfasste zwei Klavierkonzerte, die in dieser Zeit nahezu als Gegensätze begriffen wurden: Adele aus der Ohe spielte das Klavierkonzert a-Moll von Robert Schumann und anschließend eines der Klavierkonzerte von Franz Liszt (vgl. „The Times London“ vom 19. Juni 1897, S. 4).

    Der Kontakt zum britischen Musikleben blieb erhalten. Im Dezember 1901 gab Adele aus der Ohe ein eigenes Klavierkonzert in der Londoner Steinway Hall und spielte dabei neben Klaviersonaten von Robert Schumann und Frédéric Chopin auch mehrere eigene Werke. Die London Times kommentierte ihre eigenen Kompositionen mit den Worten: „a suite in E, op. 8, is a solid and original piece of work, containing six movements, and of the other pieces the most effective are a melodious 'legend' and a brilliant study in valse-rhythm. All are written with due regard to legitimate pianoforte effect, and are not merely worthy of attention because they are the work of a clever pianist, but as being interesting on their own account.“ („eine Suite in E-Dur op. 8 ist ein solides und originelles Stück mit sechs Sätzen. Unter den anderen Werken zählt die melodiöse ‚Sage’ und eine brillante Etüde im Walzer-Takt zu den wirkungsvollsten Stücken. Alle Werke berücksichtigen zwar pianistische Effekte, aber sie sind es nicht nur wert erwähnt zu werden, weil sie die Arbeit einer großartigen Pianistin sind, sondern weil sie für sich genommen interessant sind.“; „The Times London“ vom 6. Dezember 1901, S. 9) Ein weiteres eigenes Konzert, wiederum in der Steinway Hall, fand im Februar 1902 statt, auch dabei trat Adele aus der Ohe mit eigenen Werken auf und wurde zudem als „amerikanische Pianistin“ bezeichnet – ein Hinweis darauf, dass sie zu dieser Zeit in den USA lebte.


    Auch in Deutschland verzeichnete Adele aus der Ohe Erfolge: Wie sehr sie im deutschen Musikleben als Pianistin präsent war, zeigen im Wesentlichen die Auszeichnungen, die sie im Laufe ihres Lebens erhielt. Im Jahr 1900 wurde sie zur großherzoglichen-sächsischen, 1905 zur anhaltinischen und 1907 zur königlich-preußischen Hofpianistin ernannt (vgl. Müller 1929). Ihre Konzerttätigkeit in Deutschland lässt sich jedoch bislang nur bruchstückhaft nachvollziehen.


    Wie bereits mehrfach erwähnt, war Adele aus der Ohe nicht nur als Pianistin, sondern auch als Komponistin erfolgreich. Zwischen 1895 und 1906 erschienen ihre Kompositionen regelmäßig in den renommierten Verlagen von G. Schirmer (New York) und (Ries & Erler) Berlin. Darunter befinden sich zahlreiche Lieder u. a. nach Gedichten von Richard Watson Gilder (1844-1909), mehrere Klavierwerke sowie Kompositionen für Violine und Klavier. Weitere Drucke nach 1906 sind nicht mehr nachzuweisen, obwohl eine Notiz in der „Neuen Zeitschrift für Musik“ vermuten lässt, dass Adele aus der Ohe nach ihrem Rückzug aus dem us-amerikanischen Musikleben ihre kompositorische Arbeit fortsetzte bzw. sie möglicherweise sogar verstärkte. In einer Konzertrezension aus Hamburg vom Januar 1910 wird sie in erster Linie als Komponistin bezeichnet und das von ihr aufgeführte Werk entsprechend gewürdigt: „Im Konzert des Quartetts Kopecky erschien die Komponistin Adele aus der Ohe (Berlin) mit einer eigenen recht interessanten Klaviersuite Hmoll, ein Werk, das sich in lobenswerter Weise, wenn auch modern gehalten, einer Imitation des älteren Suitenstils mit bestem Gelingen zuwendet. Frl. aus der Ohe ist hochbegabt und besitzt auch als Pianistin einen unverkennbaren Grad von Temperament. Die zurzeit noch Manuskript gebliebene Suite verdient es, der breiteren Öffentlichkeit durch Herausgabe zugeführt zu werden.“ (Emil Kraus, in: „Neue Zeitschrift für Musik“ 1910, S. 42) Allerdings lässt sich bislang lediglich eine einzige Aufführung ihrer Kompositionen durch eine andere Pianistin belegen: im Oktober 1920 spielte Maude Doolittle eine Sarabande für Klavier (möglicherweise aus einer der beiden Klaviersuiten) bei einem Klavierabend in New York (vgl. „The New York Times“ 1920, S. 22). Der heutige Aufbewahrungsort der Kompositionsmanuskripte – sofern sie überhaupt erhalten sind – ist bislang unbekannt; die gedruckten Werke sind größtenteils in der British Library London vorhanden.


    Über die letzten zwei Lebensjahrzehnte von Adele aus der Ohe ist nur sehr wenig bekannt. Im Jahr 1913 führte die Musikjournalistin Harriette Brower Gespräche mit bekannten Pianistinnen und Pianisten, die sie zunächst in der Zeitschrift „Musical America“ veröffentlichte und später zu einem Buch zusammenfasste (Brower 1915). Ihr Gespräch mit Adele aus der Ohe in Berlin gibt einen kurzen Einblick in die Tätigkeiten der Pianistin nach 1906. Demnach war Adele aus der Ohe zu diesem Zeitpunkt nach wie vor als Konzertpianistin aktiv, komponierte und beschränkte ihre Unterrichtszeit auf jeweils zwei Schülerinnen bzw. Schüler: „My time is divided between playing in concert, composing, and my own studies [...]. I give almost no lessons, for I have not time for them. I never have more than a couple of pupils studying with me at one time; they must be both talented and eager.” („Meine Zeit ist aufgeteilt zwischen Konzertieren, Komponieren und Üben […]. Ich gebe immer noch keinen Unterricht, weil ich keine Zeit dafür habe. Ich habe niemals mehr als zwei Schüler, die gleichzeitig mit mir arbeiten; beide müssen talentiert und lernbegierig sein.“; Brower 1915, o. S.) Ferner scheint Adele aus der Ohe an einem Berliner Mädchengymnasium unterrichtet zu haben, an dem sie die Musikabteilung selbst gegründet hatte, wie Harriette Brower berichtete: „Мiss Aus der Ohe had much to relate of the Woman's Lyceum. The Department of Music was founded by Aus der Ohe herself.“ („Miss Aus der Ohe hat eine enge Beziehung zum Mädchengymnasium. Die Musikabteilung wurde von Aus der Ohe selbst gegründet.” Brower 1915, o. S.) Im selben Gespräch unterhielt sich die Journalistin mit Adele aus der Ohe auch über Möglichkeiten, Kompositionen von Frauen aufzuführen und berichtete über die Möglichkeiten, die hierfür in Deutschland zur Verfügung standen – allerdings ohne die Teilnahme von Adele aus der Ohe selbst zu thematisieren (vgl. Brower 1915, o. S.).


    In ihren letzten Lebensjahren war Adele aus der Ohe aus unbekannten Gründen körperlich behindert und vermutlich auch verarmt (Artikel Baker 1940). Sie erhielt Unterstützung aus den USA: Eine Notiz in der New York Times weist auf ein Benefizkonzert zu ihren Gunsten im Dezember 1925 hin, an dem sich u. a. Rosamunde Eustis Corcoran, Gunda Mordhurst, Josef Borisoff und Hyman Rovinsky beteiligten (vgl. „The New York Times“ 1925, S. 11). Ab 1928 übernahm die New Yorker „Bagby Music Lovers Foundation“ ihre Rente.

    Adele aus der Ohe lebte im Jahr 1929 in der Pariser Str. 6 in Berlin (Müller 1929, Sp. 1014). Sie starb am 7. Dezember 1937.

    Würdigung

    Die Liszt-Schülerin Adele aus der Ohe konnte sich als Pianistin vor allem im öffentlichen Musikleben der USA und Englands etablieren. Dabei spielte sie in der Regel die großen Klavierkonzerte des klassisch-romantischen Repertoires – Beethoven, Brahms, Chopin, Liszt, Schumann und Tschaikowsky – und begeisterte mit ihren Interpretationen Publikum und Presse. Wie es scheint konzentrierte sie sich dabei ausschließlich auf solistische Auftritte: von Adele aus der Ohe ist nicht ein einziges Kammermusik-Konzert bekannt. Eine angemessene Würdigung ihrer Kompositionen sowie ihrer Unterrichtstätigkeit ist beim derzeitigen Stand der Forschungen nicht möglich.

    Rezeption

    Die Tätigkeiten von Adele aus der Ohe werden bislang kaum rezipiert. Erst in jüngster Zeit werden ihre Kompositionen in Lexika der Frauenforschung genannt (vgl. z. B. Weiermüller-Backes/Heller 2003).

    Werkverzeichnis

    Kompositionen


    Four songs from The new day (words by Richard Watson Gilder). Darunter vermutlich: „The birds were singing“, „A birthday song“,Non from the whole wide World”, „Thistle-down” (verm. op. 1, New York: G. Schirmer 1895)


    Suite für Klavier op. 2: Bourrée – Sarabande – Menuet – Gavotte (New York: G. Schirmer 1895)


    Konzertetüde für Klavier C-Dur op. 3 (New York: G. Schirmer 1895)


    Compositions for the Piano op. 4. Nr. 1 „Melody in F“, Nr. 2 „Slumber Song”, Nr. 3 „Rustic Dance“ (New York: G. Schirmer 1897)


    Five Songs op. 5 (Words by Richard Watson Gilder). Nr. 1 „Rose-dark the solemn Sunset“, Nr. 2 „After Sorrow’s Night“, Nr. 3 „Cradle-Song“, Nr. 4 „I care not if the Scies are white“, Nr. 5 „Winds to the silent Morn“ (New York: G. Schirmer 1897)


    Two Songs with Piano Accompaniment op. 6. Nr. 1 „The Orphan” („Die Waise“) (Chamisso), Nr. 2 „I grieve to see these Tears“ (R. U. Johnson) (New York: G. Schirmer 1897)


    Two Songs (Words by R. U. Johnson) op. 7. Nr. 1 „I begged a Kiss from a little Maid“, Nr. 2 „Some said they did but play at War“ (New York: G. Schirmer 1897)


    2. Suite für Klavier E-Dur op. 8: Prelude – Sarabande – à la Bourrée – Air – Gavotte – Gigue (Berlin: Ries & Erler, o. J.)


    Vier Klavierstücke op. 9: „Eine Sage“ – Walzer – Novelette – „Spinnlied“ (Berlin: Ries & Erler, 1901); Wiederauflage hg. v. Isolde Weiermüller-Backes, Certosa Verlag


    Sonate für Violine und Klavier op. 10 (New York: G-Schirmer o. J.)


    Three pieces for pianoforte op. 11. Nr. 1 „Melodie“, Nr. 2 „Berceuse“, Nr. 3 „Mazurka“ (New York: G. Schirmer 1902)


    Three pieces for violin and piano op. 12. Nr. 1 Mazurka, Nr. 2 Romanze, Nr. 3 „Die Elfe tanzt“ (New York: G. Schirmer 1903)


    „Am Springbrunnen“. Eine Erinnerung an Villa d’Este. Concertetude No. 2 für Klavier op. 13 (New York: G. Schirmer 1906)


    Fünf Klavierstücke op. 14. Nr. 1 „Morgenliedchen“, Nr. 2 Pastorale, Nr. 3 Walzer, Nr. 4 „Lustiges Intermezzo“, Nr. 5 „Am Sommerabend“ (New York: G. Schirmer 1906)


    Sonate für Klavier und Violine Fis-Dur op. 16 (New York: G. Schirmer 1906)


    Suite für Klavier h-Moll (ca. 1910; op.-Zahl unbekannt, Druck z. Zt. nicht nachweisbar)



    Moderne Ausgabe


    Adele Aus der Ohe. Six Songs for high voice. Huntsville, Texas: Recital Publications, 1985


    Vier Klavierstücke op. 9, hg. v. Isolde Weiermüller-Backes, Certosa Verlag

    Repertoire

    Eine Repertoireliste lässt sich aufgrund fehlender Informationen zurzeit nicht erstellen. Nachgewiesen sind bislang die Aufführungen folgender Werke:


    Bach, Johann Sebastian. Toccata und Fuge d-Moll BWV 565 (für Klavier arr. von Tausig).

    Beethoven, Ludwig van. Klavierkonzert Es-Dur op. 73.

    Beethoven, Ludwig van. Klaviersonate cis-Moll op. 27 Nr. 2.

    Beethoven, Ludwig van. Klaviersonate f-Moll op. 57.

    Brahms, Johannes. Klavierkonzert B-Dur op. 83.

    Chopin, Frédéric. Klavierkonzert e-Moll op. 11.

    Chopin, Frédéric. Andante et Polonaise für Klavier und Orchester op. 44.

    Chopin, Frédéric. Valse cis-Moll op. 64, Nr. 2.

    Chopin, Frédéric. Etudes op. 25, Nr. 1, 2 und 3.

    Chopin, Frédéric. Grande Valse As-Dur op. 42.

    Liszt, Franz. Klavierkonzert Es-Dur H 4.

    Liszt, Franz. Polonaise Es-Dur.

    Liszt, Franz. Ungarische Rhapsodie Nr. 9 Es-Dur.

    Liszt, Franz. Ungarische Rhapsodie Nr. 12 cis-Moll.

    Liszt, Franz. „Waldesrauschen“ (Konzertetüde)

    Mendelssohn Bartholdy, Felix. „Spinnerlied“ op. 67 Nr. 4.

    Mendelssohn Bartholdy, Felix. Variations Sérieuses op. 54.

    Rubinstein, Anton. Barcarolle (keine Präzisierung möglich).

    Rubinstein, Anton. Melodie op. 4 Nr. 1.

    Schumann, Robert. Carnaval op. 9.

    Schumann, Robert. Klavierkonzert a-Moll op. 54.

    Tschaikowsky, Piotr I. Klavierkonzert b-Moll op. 23.

    Tschaikowsky, Piotr I. Klavierkonzert G-Dur op. 44.

    Weber, Carl Maria von. Koncertstück für Klavier und Orchester f-Moll op. 79.

    Zarembski, Juliusz. Grand Polonaise Fis-Dur op. 6.

    Quellen

    Literatur


    Artikel „Aus der Ohe, Adele“. In: Lexikon der Frau. 2 Bd. Zürich: Encyclios Verlag, 1953, Bd. 1, Sp. 260 [verfügbar in wbis].


    Artikel „Aus der Ohe, Adele“. In: Baker's biographical dictionary of musicians. T. Baker (Ed.). 4th edition. 1940 [verfügbar in wbis].


    Artikel „Aus der Ohe, Adele“. In: Thesaurus of the arts. A. B. Wier (Ed.). 1943 [verfügbar in wbis].


    Artikel „Ohe, Adele aus der“. In: Deutsches Musiker-Lexikon. Erich H. Müller (Hg.). Dresden: Wilhelm Limpert-Verlag, 1929.


    Artikel „Ohe, Adele aus der“. In: International Encyclopedia of Women Composers. Aaron I. Cohen (Ed.). New York/London: R. R. Bowker Company, 1981.


    Asbury, Samuel E. Letters, portraits and criticism concerning the concert pianist Adele Aus der Ohe. Texas: College Station, ca. 1951.


    Brand, Bettina u. a. (Hg.). Komponistinnen in Berlin. Berlin: Musikfrauen e. V. Berlin, 1987.


    Brower, Harriette. Piano Mastery. Talks with Master Pianists and Teachers. New York: Frederick A. Stokes Company Publishers, 1915.


    Elson, Arthur. Woman's work in music. Being an account of her influence on the arts, in ancient as well as modern times. A summary of her musical compositions, in the different countries of the civilized world. And an estimate of their rank in comparison with those of man. Boston: L. C. Page, 1903.


    Fay, Amy. Sie spielen wie ein Nußknacker. In: Frauen mit Flügel. Lebensberichte berühmter Pianistinnen von Clara Schumann bis Clara Haskil. Monica Stegmann/Eva Rieger (Hg.). Frankfurt a. M. Insel-Verlag, 1996, S. 97-145.


    Pazdírek, François. Manuel Universel de la Littérature Musicale. Wien: Pazdírek & Co., 1904ff.


    Tschaikowsky, Peter. Die Tagebücher. Ernst Kuhn (Hg.). Berlin: Verlag Ernst Kuhn, 1992.


    Weiermüller-Backes, Isolde; Heller, Barbara. Klaviermusik von Komponistinnen vom 17. bis zum 21. Jahrhundert. Düsseldorf: Staccato-Verlag 2003.



    Konzertkritiken und Zeitungsartikel


    Musik-Welt I (1881), Nr. 15 vom 29. Januar 1881, S. 184.


    The Musical Times vom 1. Februar 1887, S. 99.

    The Musical Times vom 1. Dezember 1896, S. 807f.


    The New York Times vom 24. Dezember 1886, S. 5.

    The New York Times vom 8. Januar 1887, S. 4.

    The New York Times vom 15. März 1887, S. 5.

    The New York Times vom 8. April 1887, S. 4.

    The New York Times vom 10. März 1888, S. 3.

    The New York Times vom 30. Dezember 1888, S. 2.

    The New York Times vom 28. September 1889, S. 1.

    The New York Times vom 7. November 1893, S. 9.

    The New York Times vom 30. September 1898, S. 7.

    The New York Times vom 5. November 1898, S. 7.

    The New York Times vom 16. November 1898, S. 6.

    The New York Times vom 17. Februar 1901, S. 20.

    The New York Times vom 18. Oktober 1903, S. 22.

    The New York Times vom 13. Dezember 1903, S. 26.

    The New York Times vom 14. Dezember 1903, S. 5.

    The New York Times vom 18. März 1904, S. 5.

    The New York Times vom 21. August 1906, S. 7.

    The New York Times vom 17. Oktober 1920, S. 22.

    The New York Times vom 6. Dezember 1925, S. 11.

    The New York Times vom 9. Dezember 1937, S. 25 (Nachruf).


    The Times London vom 19. Juni 1897, S. 4.

    The Times London vom 6. Dezember 1901, S. 9.

    The Times London vom 15. Februar 1902, S. 4.



    Links

    http://www.cothse.com/articles/piano-lessons-master-teachers/18.php

    Digitale Veröffentlichung eines Gespräches von Harriet Brower mit Adele aus der Ohe für die Zeitschrift „Musical America“ 1913. Wiederveröffentlicht in: Brower, Harriette. Piano Mastery. Talks with Master Pianists and Teachers. New York: Frederick A. Stokes Company Publishers, 1915. Adele aus der Ohe erläutert darin die Prinzipien ihrer eigenen künstlerischen Arbeit sowie ihre Auffassung von Klavierpädagogik.


    www.kalliope-portal.de

    Das Verbundsinformationssystem für Archive verzeichnet einige wenige Dokumente zu Adele Aus der Ohe (vgl. Forschungsinformationen).

    Forschung

    Ein Aufbewahrungsort eines möglichen Nachlasses von Adele aus der Ohe ist bislang nicht bekannt. Ihre gedruckten Kompositionen sind größtenteils in der British Library London sowie in der Library of Congress in Washington verzeichnet. Korrespondenz und Dokumente sind bislang nur vereinzelt nachweisbar: In der Bayerischen Staatsbibliothek München sind zwei Briefe von Adele aus der Ohe an Albert Gutmann aus den Jahren 1896 und 1897 erhalten, im Goethe-Schiller-Archiv der Stiftung Weimarer Klassik befinden sich zwei Briefe von Adele aus der Ohe an Marie Lipsius aus den Jahren 1910 und 1912 und die Handschriftenabteilung der Staatbibliothek Berlin verwahrt ein „Zeugniß der Neuen Academie der Tonkunst“ von Theodor Kullak an Adele aus der Ohe vom 25. Dezember 1872.

    In Texas gibt es Forschungen zu Adele aus der Ohe. Im Jahr 1951 wurde dort von Samuel E. Asbury ein Band „Letters, portraits and criticism concerning the concert pianist Adele Aus der Ohe“ herausgegeben (Texas: College Station, ca. 1951), der leider von Deutschland aus nicht zu beschaffen war; er wurde daher im vorliegenden Artikel nicht berücksichtigt. 1985 erschien in Huntsville/Texas ein Band mit sechs Liedern von Adele aus der Ohe.

    Forschungsbedarf

    Der Forschungsbedarf zu Adele aus der Ohe umfasst nahezu alle ihre künstlerischen Tätigkeiten. Über ihren Klavierunterricht an der „Neuen Academie der Tonkunst“ von Theodor Kullak in Berlin ist ebenso wenig bekannt, wie über ihre Weimarer Studienzeit bei Franz Liszt. Die Auswertung der „New York Times“ legt vermutlich nur einen Bruchteil ihrer tatsächlichen Konzerttätigkeit offen. Zu erforschen wäre auch, in welchem beruflichen und privaten Umfeld sie sich bewegte – bislang ist kein einziges Kammermusik-Konzert nachweisbar – und wer ihre Schülerinnen und Schüler waren. Ebenso unerforscht sind ihre Tätigkeiten als Pianistin im deutschen Musikleben. Die Tatsache, dass sie zwischen 1900 und 1907 von drei deutschen Höfen zur Hofpianistin ernannt wurde, lässt vermuten, dass sie regelmäßig in Deutschland auftrat, von Mäzenen bzw. Mäzeninnen protegiert und vom Publikum anerkannt wurde.

    Zu ihren Kompositionen liegen bislang keinerlei Forschungen vor.

    Normdaten

    Virtual International Authority File (VIAF): 10614599
    Deutsche Nationalbibliothek (GND): 11711099X
    Library of Congress (LCCN): nr89003354
    Wikipedia-Personensuche

    Autor/innen

    Silke Wenzel, Die Grundseite wurde im Dezember 2007 verfasst.


    Bearbeitungsstand

    Redaktion: Nicole K. Strohmann
    Zuerst eingegeben am 9.1.2008


    Empfohlene Zitierweise

    Silke Wenzel, Artikel „Adele aus der Ohe“, in: MUGI. Musikvermittlung und Genderforschung: Lexikon und multimediale Präsentationen, hg. von Beatrix Borchard, Hochschule für Musik und Theater Hamburg, 2003ff. Stand vom 9.1.2008.
    URL: http://mugi.hfmt-hamburg.de/Artikel/Adele_aus_der_Ohe