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Elisabeth Röckel

Elisabeth Hummel (verh.), Maria Eva (Taufname) , Elise und Betty (von Elisabeth abgeleitete Rufnamen)

* 15. März 1793 in Neunburg vorm Wald bei Regensburg, Deutschland.
† 3. März 1883 in Weimar, Deutschland.



„Ich fand da seine Gattin, die einst so hübsche Sängerin Mamsell Röckel, die mir in Pagenkleidern und prallen seidenen Trikots noch immer vor der Erinnerung schwebte.“

Franz Grillparzer über seinen Besuch bei Johann Nepomuk Hummel in Weimar im September 1826 (zit. nach Klaus Martin Kopitz, Beethoven, Elisabeth Röckel und das Albumblatt „Für Elise“, Köln 2010, S. 37f.).
Mediennachweis

Gemälde (1814) wahrscheinlich von Willibrord Joseph Mähler, Goethe-Museum Düsseldorf (Anton-und-Katharina-Kippenberg-Stiftung)

Tätigkeitsfelder
Opernsängerin (Sopran)

Orte und Länder
Elisabeth Röckel war ab 1810 hauptsächlich in Bamberg, Prag und Wien tätig und beendete ihre Karriere schon um 1814.

Profil
In die Musikgeschichte ging sie als enge Freundin Beethovens und Ehefrau Johann Nepomuk Hummels ein, war aber auch eine gefeierte Opernsängerin. Nach der Heirat mit Hummel gab sie ihre erfolgreiche Karriere auf.
Es wird neuerdings vermutet, dass sie die Widmungsempfängerin jenes berühmten Klavierstücks ist, dessen Autograph die Aufschrift trug: „Für Elise am 27 April [1810] zur Erinnerung von L. v. Bthvn“ (Ludwig Nohl, Neue Briefe Beethovens, Stuttgart 1867, S. 28). Bisher wurde angenommen, es habe in Beethovens Leben keine Frau namens „Elise“ gegeben. Elisabeth Röckel nannte sich jedoch in Wien tatsächlich „Elise“.

Biografie

Elisabeth Röckel wurde eigentlich auf die Namen „Maria Eva“ getauft, die sie aber weitgehend ablegte, um sich später nach ihrer Mutter „Elisabeth“ zu nennen. Bei der Taufe ihres ersten Kindes wurde sie am 9. Mai 1814 vom Pfarrer des Stephansdoms als „Maria Eva Elise“ registriert. Hummel nennt sie in seinem Testament „Maria Eva Elisabetha“, auf ihrem Grabstein auf dem Historischen Friedhof in Weimar steht schlicht „Elisabet Hummel geb. Röckel“. Daneben findet sich ab 1817 auf einigen ihrer Briefe die Namensform „Betty“. Ebenso wie „Elise“ ist „Betty“ eine von „Elisabeth“ abgeleitete Kurzform.

Zu ihren zahlreichen Geschwistern zählte der Tenor Joseph August Röckel (1783–1870), der bei der Aufführung der zweiten Fassung von Beethovens „Fidelio“ am 29. März und 10. April 1806 im Theater an der Wien die Rolle des Florestan verkörperte. In der Folge gehörte er zu den engsten Freunden des Komponisten. Das belegen auch Briefe Beethovens, nach denen Joseph August Röckel bei der Organisation des großen Konzerts behilflich war, das Beethoven am 22. Dezember 1808 im Theater an der Wien gab. Neben mehreren anderen Werken erklangen als Uraufführung die 5. Sinfonie c-Moll op. 67, die 6. Sinfonie F-Dur op. 68 („Sinfonia Pastorale“), das 4. Klavierkonzert G-Dur op. 58 und die Chorfantasie c-Moll op. 80.

Etwa 1807 holte Röckel seine damals 14-jährige Schwester Elisabeth nach Wien und kümmerte sich um ihre weitere musikalische Ausbildung. Falls es zutrifft, dass sie Beethovens „Elise“ war, so dürfte sie den Komponisten im Frühjahr 1808 kennengelernt haben, denn zu dieser Zeit notierte er im Pastorale-Skizzenbuch die erste umfangreiche Skizze zu dem Stück (Alan Tyson, A Reconstruction of the Pastoral Symphony Scetchbook, in: Beethoven Studies, London 1974, S. 67–96, hier S. 95). Johannes Quack bemerkte, dass Beethoven den Anfang des Stücks offenbar aus dem Namen E-L-I-S-E bzw. den Tonbuchstaben ihres Namens ableitete. Es fällt in der Tat auf, dass der erste, vierte und fünfte Buchstabe des Namens die erste, vierte und fünfte Note des Motivs darstellen, wobei das S (Es) enharmonisch vertauscht als Dis erscheint. L und I sind keine Tonbuchstaben und können somit frei belegt werden. (Klaus M. Kopitz, Beethoven, Elisabeth Röckel und das Albumblatt „Für Elise“, Köln 2010, S. 50)

Wie eng Beethovens Beziehung zu Elisabeth war, lässt sich nicht eindeutig sagen. Beethovens Sekretär Anton Schindler erzählte kurz vor seinem Tod, „Hummel’s Frau, geb. Röckel, die noch in Weimar als Witwe lebt, ward einst von Beethoven geliebt, – er wollte sie heirathen; aber Hummel hatte sie ihm weggefischt.“ (Gerhard von Breuning, Aus dem Schwarzspanierhause, Wien 1874, S. 49f.) Elisabeth selbst hat das dementiert, gestand aber dem Beethoven-Forscher Otto Jahn, dass Beethoven „stets herzlich und traulich zu ihr gewesen sei“ (Kopitz, a. a. O., S. 12). Etwas offenherziger war sie gegenüber Ludwig Nohl und berichtete ihm von einer Abendgesellschaft bei dem Gitarristen Mauro Giuliani (1781–1829), bei der „Beethoven in der Ausgelassenheit seines rheinischen Naturells nicht nachgelassen habe, sie zu stupfen und zu necken, so daß sie sich schließlich gar nicht vor ihm zu retten gewußt habe; er habe sie nämlich aus lauter Zuneigung immer in den Arm gekniffen.“ (Kopitz, a. a. O., S. 12) Mit Sicherheit gehörte sie zu den wenigen Frauen in Beethovens Leben, die ihm sehr nahe standen, denn wenige Tage vor seinem Tod bat er den ihn besuchenden Hummel, Elisabeth noch einmal sehen zu dürfen.

Die Anfänge von Elisabeth Röckels Theaterlaufbahn liegen noch im Dunkeln. Wenn Beethoven das Albumblatt am 27. April 1810 „zur Erinnerung“ für sie niederschrieb, könnte das bedeuten, dass sie Wien in diesen Tagen bereits verließ. Ab Herbst 1810 ist sie in Bamberg nachweisbar – nicht weit von ihrer Heimatstadt entfernt – wo sie zusammen mit ihrem Bruder in einer Truppe spielte, die von dem Theaterprinzipal Franz von Holbein (1779–1855) geleitet wurde. Holbein eröffnete die Bamberger Bühne am 30. September 1810 mit Lessings „Minna von Barnhelm“. Elisabeth Röckel brillierte in Bamberg namentlich als Donna Anna in Mozarts „Don Giovanni“. In Bamberg traf sie auch mit dem dort lebenden Dichter E. T. A. Hoffmann (1776–1822) zusammen, der für sie folgenden Zweizeiler dichtete:

„Demoiselle Röckel.
Ja! wir brauchen nicht mehr Italiens Gesänge zu suchen –
Südlicher Wind hat sie uns freundlich herübergeweht!“ (E. T. A. Hoffmann, Schriften zur Musik. Nachlese, hrsg. von Friedrich Schnapp, München 1963, S. 689f.)

Holbein schreibt in seinen Erinnerungen über die Bamberger Zeit: „Demoiselle Röckel, eine durch Jugend, Schönheit, Stimme und musikalische Bildung ausgezeichnete Anfängerin, war bald im Stande sich als erste Sängerin zu behaupten und würde bald auch eine der berühmtesten ihrer Zeit geworden sein, wenn ihre künstlerische Laufbahn nicht (wer sollte es glauben!) – von einem der berühmtesten Kapellmeister jener Zeit – gehindert worden wäre. – Dieser Kapellmeister war Hummel. Er heirathete sie, und sie zog das stille Walten der Hausfrau den glänzenden Verhältnissen einer gefeierten Künstlerin vor.“ (Franz von Holbein, Deutsches Bühnenwesen, Band 1, Wien 1853, S. 39)

Zusammen mit ihrem Bruder unternahm Elisabeth von Bamberg aus noch eine Gastspielreise nach Prag und trat dort im Ständetheater als Donna Elvira in W. A. Mozarts „Don Giovanni“ auf.
Am 8. Juli 1811 debütierte sie am Kärntnertortheater in Wien als Emmeline in Joseph Weigls Oper „Die Schweizer Familie“. Weigl hatte die Rolle speziell für die berühmte Anna Milder-Hauptmann (1785–1838) geschrieben, so dass man Elisabeth Röckels Interpretation mit Skepsis entgegensah. Sie vermochte jedoch voll und ganz zu überzeugen. Ignaz Franz Castelli, der Librettist der Oper, widmete ihrer Gestaltung der Partie eine ausführliche Rezension, in der es heißt, dass das Publikum mit großer Begeisterung auf ihre einfühlsame und differenzierte Interpretation reagierte: „Auch am Schlusse der Oper wurde sie neuerdings lärmend vorgerufen.“ (Thalia, Jg. 2, Nr. 56 vom 13. Juli 1811, S. 219f.) Sie erhielt daraufhin ein festes Engagement mit einem Jahresgehalt von 2.500 Gulden. Zum Vergleich: Beethoven bezog aus der Pension, die ihm seine fürstlichen Gönner stifteten, ein Jahresgehalt von 4.000 Gulden. Bald gehörte sie zu den Publikumslieblingen und trat von 1810 bis 1813 noch in zahlreichen Rollen auf, u.a. als Wilhelmine in Adalbert Gyrowetz’ „Der Augenarzt“, als Pietro in Nicolas Dalayracs „Die beiden Savojarden“, als Dirce in Luigi Cherubinis „Medea“, als Emma in Gaspare Spontinis „Milton“, als Papagena in „Die Zauberflöte“ und als Servilia in „Titus“ von W. A. Mozart.

1812 lernte sie Johann Nepomuk Hummel (1778–1837) kennen, den sie am 16. Mai 1813 in der Wiener Pfarrkirche St. Joseph ob der Laimgrube heiratete. Einer der beiden Trauzeugen war kein Geringerer als Hofkapellmeister Antonio Salieri (1750–1825), Hummels damaliger Kompositionslehrer.

Wenn Anton Schindler in seiner Beethoven-Biografie behauptet, Hummel und Beethoven hätten sich wegen Elisabeth zerstritten (Anton Schindler, Biographie von Ludwig van Beethoven, 3. Aufl. Münster 1860, Band 1, S. 189), so entspricht das offensichtlich nicht den Tatsachen. Das belegt eindrucksvoll Hummels Mitwirkung in Beethovens großen Konzerten am 8. und 12. Dezember 1813, in denen er bei der Aufführung von „Wellingtons Sieg oder Die Schlacht von Vittoria“ die große Trommel bediente. Im Februar 1814 schrieb Beethoven auch einen scherzhaften Brief an Hummel, in dem er ihn mit Du anredet und unterzeichnet: „Dein Freund Beethowen“ (Beethoven, Briefwechsel. Gesamtausgabe, hrsg. von Sieghard Brandenburg, Band 3, München 1996, Nr. 700). Zudem schrieb er am 4. April 1816 in Hummels Stammbuch den Kanon WoO 170, „Ars longa, vita brevis.“

1816 ging Elisabeth mit ihrer Familie nach Stuttgart und trat hier noch zweimal auf. Nach Querelen mit der Intendanz des dortigen Theaters zog sie sich für immer von der Bühne zurück. Im Januar 1819 übersiedelte die Familie nach Weimar, wo Hummel den Posten des großherzoglichen Kapellmeisters übernahm. Der Komponist Ferdinand Hiller (1811–1885), der 1825 Hummels Schüler wurde, schreibt über das Ehepaar: „Die jugendliche, anmuthige Hausfrau, die als Mädchen das lebhafteste Interesse Beethoven’s erregt hatte, empfing mich mit einfacher Herzlichkeit, und der Meister selbst hatte sich inmitten seiner Erfolge die gewinnendste Anspruchslosigkeit bewahrt.“ (Kopitz, a. a. O., S. 37.) Ebenso freundlich urteilte der Dichter Franz Grillparzer (1791–1872), der Elisabeth in Wien mehrfach auf dem Theater gesehen hatte und Hummel 1826 in Weimar besuchte: „Ich fand da seine Gattin, die einst so hübsche Sängerin Mamsell Röckel, die mir in Pagenkleidern und prallen seidenen Trikots noch immer vor der Erinnerung schwebte. Jetzt war sie eine tüchtige ehrenwerte Hausfrau, die mit ihrem Gatten an Freundlichkeit wetteiferte. Ich fühlte mich zur ganzen Familie mit Liebe hingezogen.“ (Kopitz, a. a. O., S. 38)

Im März 1827 reiste das Paar mit Hummels Schüler Ferdinand Hiller noch einmal nach Wien und besuchte den todkranken Beethoven. Hiller hat die Begegnungen eindrucksvoll beschrieben. Demnach äußerte Beethoven beim zweiten Besuch Hummels am 13. März 1827: „Du bist ein glücklicher Mensch; du hast eine Frau, die pflegt dich, die ist verliebt in dich – aber ich Armer!“ (Kopitz, a. a. O., S. 38.) Am 23. März sah er Elisabeth noch einmal, am 26. März gegen 17.45 Uhr starb er. Elisabeth schnitt sich kurz vor Beethovens Tod eine Locke von seinem Haar, die sich heute im Beethoven-Haus Bonn befindet. Seine letzte Schreibfeder, die sie ebenfalls besaß, scheint verschollen zu sein. (Kopitz, a. a. O., S. 41)
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Würdigung

Elisabeth Röckel wäre nach den Worten Franz von Holbeins, der von 1841 bis 1849 das Wiener Burgtheater leitete, „eine der berühmtesten [Sängerinnen] ihrer Zeit“ geworden. Nach den Presseberichten zu urteilen, besaß sie auch eine große schauspielerische Begabung und wird daneben als sehr schöne Frau geschildert. Sie beendete ihre Bühnenkarriere jedoch bald nach ihrer Heirat, um sich ganz ihrer Familie zu widmen.
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Repertoire

Donna Anna und Donna Elvira in „Don Giovanni“ von W. A. Mozart

Papagena in „Die Zauberflöte“ von W. A. Mozart

Servilla in „Titus“ von W. A. Mozart

Emmeline in „Die Schweizer Familie“ von Joseph Weigl Wilhelmine in „Der Augenarzt“ von Adalbert Gyrowetz

Pietro in „Die beyden Savojarden“ von Nicolas Dalayrac Edmund in „Franziska von Foix“ von Joseph Weigl

Dirce in „Medea“ von Luigi Cherubini

Emma in „Milton“ von Gaspare Spontini

Wilhelmine in „Das Winterquartier in Amerika“ von Adalbert Gyrowetz

Babette in „Der Gutsherr“ von Karl Ditters von Dittersdorf Titelrolle in „Cendrillon“ von Nicolò Isouard
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Quellen

Sekundärliteratur

Karl Benyovszky. J. N. Hummel: der Mensch und Künstler. Bratislava: Eos 1934.

Fritz Felzmann. „Die Sängerin Elisabeth Röckel. ‚Donna Anna‘ in Hoffmanns ‚Don Juan‘. Persönlichkeit und Familie“. In: Mitteilungen der E. T. A. Hoffmann-Gesellschaft, Heft 21 (1975), S. 27–37.

Mark Kroll. Johann Nepomuk Hummel: A Musician’s Life and World, Lanham, Maryland: Scarecrow Press 2007.

Michael Jahn. Die Wiener Hofoper von 1810 bis 1836. Das Kärnthnerthortheater als Hofoper. Wien: Verlag „Der Apfel“ 2007.

Klaus Martin Kopitz. Beethoven, Elisabeth Röckel und das Albumblatt „Für Elise“. Köln: Dohr 2010.

Michael Lorenz. Die "Enttarnte Elise", in: Bonner Beethoven-Studien, Band 9, Bonn 2011, S. 169-190.
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Forschung

Elisabeth Röckel wird inzwischen als eigenständige Persönlichkeit wahrgenommen. Darüber hinaus sind wichtige Eckdaten ihrer Biografie erschlossen. Nach der Hummel-Biografie von Mark Kroll hatte sie im Laufe ihres langen Lebens außer mit Beethoven auch mit so bedeutenden Persönlichkeiten wie Konstanze Mozart und Franz Liszt Kontakt.
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Forschungsbedarf

Insgesamt ist die Biografie Elisabeth Röckels bislang nur ansatzweise erforscht. So ist beispielsweise anzunehmen, dass sie vor ihrem Engagement in Bamberg, wo sie in der anspruchsvollen Partie der Donna Anna debütierte, bereits an einer kleineren Bühne tätig war und dort erste Erfahrungen sammelte. Eine Durchsicht damaliger Theateralmanache sowie der Wiener Theaterzeitung könnte zu neuen Erkenntnissen führen. Bezüglich ihres Bamberger Engagements wären insbesondere ihre Kontakte zu E. T. A. Hoffmann von Interesse und verdienten ein intensiveres Quellenstudium, auch zu den Rollen, die sie in Bamberg verkörperte.
Im Hinblick auf Beethovens Albumblatt wären daneben weitere Belege von Bedeutung, aus denen hervorgeht, welche Form des Namens Elisabeth sie speziell in Wien benutzte. Auf den überlieferten Anschlagzetteln sowie in den bislang bekannten Presseberichten wird sie – wie damals üblich – nur „Dem.[oiselle] Röckel“ genannt.
Autor/innen:
Klaus Martin Kopitz

Bearbeitungsstand:
Redaktion: Ellen Freyberg
Zuerst eingegeben am 03.02.2011